642 – Nr. 007

Das Buch (642) ist doch vielleicht doof, oder ich bin, auch das ist gut möglich, ein Einfaltspinsel der Extraklasse. Ich weiß ja noch nicht mal ob es Einfallspinsel heißt, weil einem nix einfällt. Schlimm und peinlich zu gleichen Teilen. Naja.

Als ich mir mal den Arm brach, da hing der, mit gebrochener Elle und Speiche, im 45°-Winkel nach unten. Als ich das sah, wurde mir heiß und kalt zu gleichen Teilen. Da war ich dann 5 Wochen im Krankenhaus und man hat mir auf die beiden Unterarmknochen jeweils eine Metallplatte geschraubt. In meinem Zimmer lag ein Typ, dem hat sein eigener Vater eine Ladung Schrot in die Beine geschossen. weil er ihn für ein Wildschwein hielt. Der Vater war Jäger und schon alt. Die Ärzte sagten, die Kugeln eitern mit der Zeit raus, er soll sich keine Sorgen machen. Naja.

Ja, ach. Manchmal denkt man ja, die eigenen Handlungen hätten keine Auswirkungen auf die Restwelt und dann handelt man irgendwie und ohne Gehirn und die Menschen geraten durcheinander und müssen weinen. Ich kann doch hier auf die Geschichten nicht näher eingehen, weil, die Protagonistinnen würden das nicht gerne sehen. Man (also ich jetzt) hat schon genug Unheil angerichtet. Damals™.

Man (also die anderen) hat behauptet, ich hätte einen Polizisten niedergestreckt, dabei wollte ich nur, dass dieser Polizist nicht an meinem Arm (mit der Narbe wegen des Bruchs) herumzerrt und er hat gezerrt wie nicht recht gescheit, so dass ich kurz mit dem Gedanken gespielt habe, ihn offiziell und lauthals „Bulle“ zu nennen. Und dann habe ich versucht mich loszureissen. Es kam wie es manchmal kommt. Auf einmal lagen alle (ich auch) am Boden und wurden in ein Transportfahrzeug geworfen (nur ich). Die Klage wurde (zum meinem großen Erstaunen) nicht zugelassen.

Als ob ich schon mal ein Versprechen gebrochen hätte. Na gut, früher, als Junge, war das an der Tagesordnung. Glaube ich. Naja, aber ein Versprechen. Jetzt muss ich mal scharf nachdenken. Wenn man ein Herz bricht, bricht man ja im Prinzip in den allermeisten Fällen auch ein Versprechen. Aber, und da bin ich mir fast sicher, ich mache doch keine Versprechen. Also, jetzt nicht in dem Sinne. Aber jetzt ist mir der Hintern eingeschlafen. Was soll DAS denn jetzt?!?

642 – Nr. 006

 

 

 

4 Uhr, Tinnitus quietscht mich wach. 5 Uhr, aufstehen und Krach machen, duschen, Kaffee saufen, Kiköhn einpacken, zum Bahnhof, zum Ponyhof, das hier schreiben.

642 – Nr. 005

 

 

 

 

Kommt zur Welt wie Goethe, liest Nietzsche in der Höhle unter der Modelleisenbahn, lernt Kiki kennen und zieht die nächsten 40 Jahre mit ihr in ein Pfauenhaus.

642 – Nr. 004

 

 

 

Hund fährt mit Dieb, der sich in die in die Schwester von seinem Kumpel verliebt, durchs Weltall. Gemeinsam retten sie einen Planeten voll alberner Bärchen.

642 – Nr. 003

 

 

 

 

Ich wollte mir neulich die Hamletmaschine mit Gudrun Gut, der ehemaligen Ophelia, Blixa Bargeld und Wolfgang Rindfleisch anschauen. Naja.

642 – Nr. 002

 

 

 

Ehrlich gesagt, ich hatte schon bestimmt, na sagen wir, 12 Jahre keinen Glückskeks mehr. Ich halte das für Unsinn. Ich kaufe nicht bei Leuten ein, die mir Glückskekse anbieten. Meine Frau ist mein Glückskeks und darüber hinaus verbitte ich mir jegliche Glückskeksereien.

642

Heute hat mir die geschätzte Kollegin Jeanette Bouffier (nicht verwandt) ein Buch (hihihi) (TINY THINGS TO WRITE ABOUT) aus Amsterdam mitgebracht und geschenkt. Dort drinnen wird man (also ich) aufgefordert, jeden Tag einen Gedanken aufzuschreiben oder zu formulieren. Da meine Handschrift aber inzwischen total krass degeneriert ist und ich einfach eine Tastatur brauche zum Denken und Tippen und als Strohhalm für schlechte Zeiten, da dachte ich mir, mache ich doch ein Blog-Projekt daraus. Mir fällt ja sonst eh nix mehr ein. Ich schrub gelegentlich (also immer) darüber. Also:

 

Meine Glückskeksbotschaft lautete: „Du wirst in der Fußgängerzone in Tönning an der Nordsee einen Fischladen aufsuchen. Dort wohnt das Glück.“

Diese verlogene und in keinster Weise richtige oder sogar auch nur gut gemeinte Botschaft fand ich gestern Abend in einem Glückskeks, als ich mir gerade den Mund abputzte im vietnamesischen Restaurant „Gusto e“. Fußgängerzone … hier bricht doch schon die Geschichte und wird unglaubwürdig. Auf wie vielen Ebenen ich Fußgängerzonen weder begehen kann noch will … Fuß und gehen und Zone. Leute, nicht mit mir. Das ist eine Unverschämtheit. Ich hasse Glückskekse. Sie schmecken nach nichts und die Botschaften sind eine Unverschämtheit. Obgleich ich sagen muss, dass in Fischläden schon auch das Glück wohnt. Ich liebe Fischläden. Gleich gegenüber meiner Wohnung in der Dieffenbachstraße in Berlin war ein Fischladen. Jeden Morgen dachte ich, schade, dass der um 7:30 Uhr noch nicht auf hat. Nach der Arbeit dachte ich dann, schade, dass er schon um 16 Uhr zumacht. So, dass ich nur selten dort einkaufen konnte. Außerdem war ich damals, so will es das Berlin-Gesetz, arm und konnte mir selten Fisch leisten. Wobei ich am liebsten Seeteufel esse. Den kann man nämlich gerne auch mal in der Pfanne vergessen und stundenlang brutzeln und er ist trotzdem immer wundervoll im Geschmack und auch sonst.

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Die Raben sagen ja

Ich soll meine Geschichte teilen, sagt die WordPress-App. Ich soll abnehmen. Ich soll mich nicht aufregen. Ich soll dem Buddhismus beitreten. Ich soll mal wieder was twittern. Ich soll mir was merken. Ich soll zuhören. Ich soll diesen Akkord lernen und dann den anderen. Ich soll auch mal ein Auge zudrücken. Ich soll mal nach dem Mail-Programm kukken. Ich soll „es“ nicht so eng sehen. Ich soll mal kurz halten. Ich soll es nicht immer sagen. Ich soll wählen gehen. Ich soll programmieren lernen. Ich soll meine Filterblase verlassen. Ich soll mir eine auffällige Frisur zulegen. Ich soll dieses Buch hier lesen. Ich soll Frank Zappa-Platten hören. Ich soll einfach in zwei Wochen nochmal anrufen. Ich soll endlich aufhören zu nerven. Ich soll mal zurückrufen. Ich soll mal kurz mein Auto wegfahren. Ich soll das mit der Telekom nochmal erzählen. Ich soll Trump nicht so ernst nehmen. Ich soll Trump ernster nehmen. Ich soll mich jetzt endlich entscheiden. Ich soll zugeben, dass ich mich geirrt habe. Ich soll doch mein Magazin einfach mal bei „do you read me?!“ in Berlin einreichen. Ich soll mal beim red dot award mitmachen. Ich soll den red dot award dann einfach nochmal gewinnen. Ich soll mich nicht so auf meinen Tinnitus konzentrieren. Ich soll mich mal konzentrieren. Ich soll mal kurz zuhören. Ich soll die Sabine nehmen, wie sie ist. Ich soll mal runterkommen. Ich soll mal kurz mit rauskommen. Ich soll mal die Heizung anmachen. Ich soll mal dran denken, dass wir noch Brot brauchen. Ich muss mich mal kratzen. Und zwar genau hier. Twitter habe ich aufgegeben. Das wollte ich schon 2010 machen, aber man kommt ja zu nichts. Wegen Twitter habe ich dieses Blog vernachlässigt, aber auch, weil mir nichts mehr einfällt. Ich habe ja schon so viel erzählt. Alles schon Kcuh-Elo-EINS-ISSUUmal durchgedacht und wieder verworfen. Ach, denke ich, ich muss ja gar nichts. GAR NICHTS, denke ich und schreie mich innerlich selbst an. ICH MUSS GAR NICHTS ist so eine Irrglaube. Man muss so viel. Oft soll man es auch. Ich soll es auch. Nicht „man“ sagen, wenn ich mich meine. Nicht „man“ sagen, wenn ich die Frau meine. Nicht „man“ sagen, wenn ich die anderen meine. Ich habe lange genug… nein, ich habe noch lange nicht genug. Ich habe noch nichts lange genug gemacht. Ich werde dies und das auch morgen machen MÜSSEN, machen wollen, machen sollen. Ich bin nicht frei. Es gibt keine Freiheit. Was soll das sein? Wenn man zum Beispiel eine seltsame Nervenkrankheit hat, kann „man“ (also ich) sich (mich) nicht ausruhen. Es tut immer alles weh. Wenn man unglücklich verliebt ist (was ich nicht bin), kann man nicht einfach wegfahren, es ist immer da. In Moskau, in New York, sogar in Burkina Faso. Du bist nicht frei. Als ich gedacht habe, das mit dem Brexit machen die nie, ich kann ruhig ins Bett gehen… das mit dem Trump machen die nie, ich kann ruhig ins Bett gehen. Die Frau spielt „Moon River“ auf der Ukulele. Die Frau und ich sind heute neulich in die Partei eingetreten. Ich konnte nicht schlafen, da bin ich in die Partei eingetreten. Und dann habe ich eine Flasche Green Exitus Absinthe 89,9% Vol. gekauft. Man weiß ja nie. Danach habe ich auf Facebook sämtliche SPD-Seiten abonniert und dann habe ich mir geschworen, da nie die Kommentar-Threads zu lesen. Das hat nichts Politik zu tun, dass man das liest. My Huckleberry Friend. Ich liebe meine Frau. Mehr als mich selbst. Ich habe neulich ein Magazin erstellt. Ersonnen. Geschaffen. Gemacht. Gesagt – getan. Gewirkt. Erfunden. Man kann es hier kaufen: kein.shop. Ja, das ist ein Shop, auch wenn die URL www.kein.shop heißt. Der Dings hatte Recht, das rafft kein Mensch. Aber heute neulich hatte ich dann wieder Freude daran und habe eine zweite Ausgabe gemacht. Dazu bin ich durch den tristen Sommerberg gefahren. Mit dem Quad. Mein Quasi-Rollstuhl. Um dann festzustellen, dass Tristesse nichts weiter als Tristesse ist. Tristesse ist zu nichts Nutze und sieht scheiße aus. Ich kann das sagen, weil ich es weiß. Weil ich es erlebt habe. Weil ich durch 1000 Tristessen marschiert bin, bis ich hier in meiner Melancholie angekommen bin, in dieser fast wie borderlinigen Zwischendurchgefühlswelt.
Kcuh-Elo-No02-02Ich schwanke nicht, ich wanke. Ich weiß nicht, wann es gut ist. Ich weiß nicht, wann ich gehen soll, also gehe ich nicht mehr hin. Ich habe es aufgegeben Content zu produzieren. Nur noch das hier und dann bin ich leer. Ich kukke Chef’s Table auf Netflix. Ich glaube ich verehre Magnus Nilsson. Man müsste mal nach Fäviken Magasinet fahren, denke ich. Sage ich zur Frau. Sage ich nicht zur Frau. Denke ich nur, weil mir das Reden zu absonderlich erscheint an dieser Stelle. Ich schaue mir auf mobile.de einen T3 an. Soll ich einen T3 kaufen? Ich bin viel zu groß für einen T3. Oder doch? Ich hadere. Ich bestelle mir einen Amazon Echo Dot (2. Generation) in schwarz. Ich will, dass alle wissen, wann ich mir peinliche Lieblingslieder auf spotify anhöre. Ich will ALEXA schreien. Ich will, dass es gut ist. Ich will, dass morgen das iPad für die Küche kommt, auf dem ich mir dann Rezepte von Ana Ros anschauen kann. Dal Makhani blubbert im kleinen Topf. Bevor ich Ana Ros-Rezepte kochen kann, muss ich noch nachdenken. Ich muss viel nachdenken. Ich muss viel mehr nachdenken. Ich muss das noch lesen. Ich muss verstehen. Ich muss mir viel mehr Gedanken machen. Ich muss einen Podcast machen, nur mit Gelaber von mir und zwei Freunden. Nur mit Gelaber. Ich will kein Konzept mehr haben. Für nichts außerhalb der Bürowände. Letztes Jahr war komisch. Dieses Jahr sind schon zwei Freunde gestorben. Das hätte nicht sein müssen. Der eine am Suff, der andere am Herzen. Das hätte nicht sein müssen. Was hätte schon sein müssen?! Halt’s Maul. Existiert dieser Blogeintrag, wenn ich ihn nicht auf Twitter verlinke? Wem will ich das alles sagen? Wer soll denn das lesen? Lesen Sie das! Gefälligst. Präg Dir das ein, Du jetzt. In 5 Tagen ist Frühlingsanfang. Frühling ist Hoffnung. Es geht weiter. Es macht sich. Die Magnolien blühen, die Rehe kommen aus dem Wald. Die Raben sagen „Ja!“ zum Leben. Es wird wieder Zeit.

Aufwiederhähnchen in Grellingerhausen (BAB)

Twitter ist doof. Aber neulich ist mir es gekommen, nämlich, dass man ohne Twitteraccount gar nicht mehr jemandem erzählen kann, dass man was gebloggt hat. Also, man kann das schon jemandem erzählen, aber der (m/w/trans) ist dann nicht im Internet vertreten und interessiert sich einen Scheiß für Blogs. Allerdings: Mit einem Twitteraccount bloggt man nichts, weil man ja jeden Gedanken, bevor er zum Konstrukt wird, schon Leuten erzählt hat, die das null interessiert, weil, sie interessieren sich nur für sich oder für nichts. Das kann ich wohl behaupten, denn so geht es mir bisweilen auch. Aber dann: Ich kann es ändern. Ich kann anders sein. Ich kann schwarze Milch trinken und es Kakao nennen. Twitter verrecke, damit wir leben können. Ich kann mich bewegen ohne den Raum zu verlassen. Die Zelle fährt, und so. Ich möchte aber nicht mehr jeden Scheißgedanken irgendjemanden vortragen. Nicht mehr. Nie mehr. Ich will es filtern. Durch den Pinsel, durch Lektorat, durch Gedanken machen. Und so. Ich will nicht. Ich muss. Du bist tot, wenn Du alles ungefiltert raushaust, tot im Kopf und irgendwann in der Seele und dann erzählst Du passiv-aggressiv von Deinen Verletzungen auf dem Kurznachrichtendienstweg und kannst noch nicht mal mehr den Telefonhörer in die Hand nehmen und Deine Anklage vortragen und Gehör suchen und die Dinge regeln. Du kannst nur komplizierte Botschaften verzapfen, Du kannst Fake-Accounts eröffnen und Menschen trollen. Ja, Du, das kannst Du. Ich kann das auch. Das kann ja jeder. 1967: Ich werde geboren – ungefragt – und dann gehe ich um, mit einem Hut und bettel um Gunst und Liebe und Werweißwasnoch. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Also muss ich jetzt folgendes tun: (das ist mir letzte Nacht gekommen) Ich muss den alten Account nehmen und ihn @blogroyal nennen und meinen Blog und meinetwegen den Podcast oder die Ausstellung oder die Zeitung verkünden. Wen das halt interessiert. Das was ich mache. Sons nix. Ich will kein Mensch mehr sein, nur noch Linkschleuder. Verlasst das Schiff, wenn Ihr schwimmen könnt, ersauft meinetwegen, aber so wird es geschehen. Das ist alles, was ich noch machen kann. Und dann war aber @blogroyal schon seit November 2007 besetzt und dann dachte ich, was soll das eigentlich und dann habe ich einfach mal das Passwort angefordert, aber nur so zum Spaß und dann habe ich festgestellt, dass der Account ja mir gehört und da habe ich ja vielleicht Augen gemacht. Hahahaha! Lol. Mir war schon immer, dass ich mich irgendwann 2007 da angemeldet habe, aber irgendwie wusste ich nicht mehr unter welche Namen. Aber was macht man denn jetzt mit einem Account, dem niemand folgt. Ich weiß was zu tun ist. Ich nenn das alles um. Das ist auch ein bisschen albern. Ich bin eigentlich ja ein alter Mann. Herrjeh. Selbst Bundesligatrainer sind jünger als ich. Naja. Scheiß Internet. Warum bin ich da bloß hingegangen?!

Zur Sonne

Das Netz sirrt. Es kreischt im Kopf. Es schreit mich an. Es redet und redet und redet und ich weiß, dass das Netz auch ich selbst bin. Das macht mich irre. Wie die Katze sich in den Schwanz beißt. Wie alles sich dreht. Sich kaputt dreht, rumpelnd, klappernd, wie ein kaputter Kreisel. Doch aber der Kreisel dreht sich immer weiter. Immer und immer weiter. Und Du weißt, Du könntest wegschauen. Aber Du weißt auch, dann wäre es trotzdem da und weil Du die Büchse der Pandora schon geöffnet hast, weil Du schon reingeschaut hast, in das unendliche Buch des Daseins, willst Du auch wissen, wie es weiter geht.

Michael Ende hat mal in „Die unendliche Geschichte“ versucht, das Nichts zu beschreiben. Doch es ist unbeschreiblich. Beschriebenes Nichts ist nicht mehr nichts. Dann ist es ja da. Das ist ungünstig für den Autoren, aber es ist gut für die Phantasie. Man sollte das Nichts nicht beschreiben müssen. Schließlich ist es ungefähr das, was am Ende des Weltalls vorherrscht, und für all die tapferen Atheisten ist es das, was am Ende unserer Tage auf uns wartet. Nichts. Das ist nicht wie Einschlafen, das ist das Vielerlei, das zutiefst frustrierende und unwiderrufliche Ende. Wer das dem Leben vorziehen will oder muss, der hat womöglich alles schon zu Ende gedacht und gefühlt. Eventuell ist das für die Zurückgebliebenen und die glücklicherweise Unbetroffenen unvorstellbar, aber das gibt es und dann sind alle Tipps und Hinweise, wie schön das Leben ist, wie viele Menschen einem fröhlich von Brücken zuwinken, wie geil der Cheeseburger im nächsten Burger-Restaurant ist, das schon in vier Monaten wieder die Pforten schließt, nur noch ein befremdlicher, sehr, sehr ferner Gedanke. Dann ist doch alles schon gesagt. Als ich heute den letzten Tweet von jemanden las, der müde und am Ende des Denkens zu sein schien und wie die Menschen in dem Thread unter dem Tweet hofften und ratschlugen und Tipps gaben und flehten und flehten und den Ast suchten, die sie ihm in die Speichen werfen könnten, da war ich einen Moment gerührt von all dieser Hoffnung. Doch da hatte er seine Ankündigung schon in die Tat umgesetzt. Ganz kurz und knapp war die Meldung der Polizei, nur mit einer Telefonnummer versehen. Keine Erklärungen, keine Mutmaßungen, noch nicht mal Mutmaßungen über Mutmaßungen waren zu lesen. Diese ganze Hoffnung, manchmal naiv, manchmal sich selbst in diese Tweets hinein kritzelnd, manchmal kindlich, unschuldig, liebevoll, maschinenhaft, puppenhaft, schamhaft, umständlich, direkt, diese so voller Hoffnung seienden und manchmal nicht zu Ende gedachten Tweets hörten aber nicht auf, weil die Leute die Nachricht des Todes nicht sofort vernommen haben und so also immer weiter schrieben und hofften, noch über den Tod hinaus… doch alles war zu spät und rum und Ende und aus. Da muss man Luft holen und dann verblüfft, manchmal ungelenk, manchmal ehrlich und aufrichtig, manchmal klassensprecherhaft einen letzten Tweet raushauen. Doch dann wirkt das manchmal so armselig angesichts der ungeheuren Dimension der Wirklichkeit und der Unwiederbringlichkeit. Doch trotzdem sah ich da, wie Schneeglöckchen im verharschten Schnee, Hoffnung, Liebe, Freundlichkeit, ja Menschlichkeit in diesem kalten, abgeschmackten, zugewüsteten, abgestandenen sozialen, ach so unsozialen Netz. Diesem Netz mit all seinen ungeschriebenen Regeln und Vorschriften, wie man sein muss, wie man sein müsste, wie man selbst nicht sein kann, aber der andere sein soll, wie man selbst es bereut, dass es so ist, weil das alles so unabdingbar geworden ist, aber so sind nun mal diese Regeln, die wir uns selbst in endlosen Tweets und Posts um die Ohren geschrieben haben, bis wir das alles selbst geglaubt haben und dachten, wir müssten das jetzt leben. Bis wir vor dieser Vase Internet stehen, die nur noch durch ein paar Kaugummis und Klebestreifen vor dem letzten Scherbenhaufen zusammengehalten wird. So erscheint es mir.

Und da sind dann die Parolen, dass „wir“ zusammenhalten und auf einander achten müssen. Für einen Tag. Für ein paar Stunden. Bis zum nächsten Troll, bis zur nächsten verachtenden Randbemerkung. Bis zur nächsten Ausfahrt. Bis zum nächsten Paragraphen, der uns zum Beispiel vorschreibt, dass man niemals nachfragen darf, warum man gerade entfolgt, entfreundet, gekickt, ausgeladen wurde. Man muss hart sein. Cool soll man sein. Unanstrengend. Üble Nachrede soll man aushalten, schweigen, so tun, als hätte man sie nicht gelesen, weil, sonst hätte man sie ja gelesen, schwach im Moment, sich auf die andere Seite seines Netzes begeben und durchs Schlüsselloch geschaut. All das. Und dann ist da der Moment, in dem der Krokus blüht am Ende des harten Winters. Die Hilfsbereitschaft mit den #offenenTüren am Freitag in München, der sinnvolle safety check auf Facebook, die geraden, warmen, alles richtig gemacht habenden Meldungen der Münchner Polizei oder auch die Hoffnung, all die Hoffnung, die Anteilnahme heute zum Anlass des Todes des „jungen“ Mannes.

Mag die Nähe auch nur netznah, social media-oberflächlich sein, weil sie das nur sein kann, weil mehr vielleicht noch nicht geht…Aber immerhin. Immerhin. Ich will nicht von Hoffnung schreiben, weil das sämig, naiv und abgeschmackt ist. Ich will nicht vom Guten schreiben, das mal sein könnte und an das aufgegeben zu glauben, ich noch nicht habe. Ich will nur mal kurz die Hand heben und irgendwie was Tröstliches meinen, mal mit der Wunderkerze winken. Ein bisschen was glauben, entdeckt zu haben. Mal kurz sagen, ja, ich habe es auch gesehen. Es war nur ein Funke und wenn ich gleich ins Netz schaue, dann wird da noch lange kein gutes Feuer brennen. Aber dieser Funke…

Und wo kriege ich jetzt auf die schnelle Grillanzünder her?

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