Das Ironiefähnchen

Hier, nun da ich ein alter Mann bin und sich Dinge in meinen Zahnfleischtaschen sammeln, die ich mir erst mit einer Hi Tech-Zahnbürste rausvibrieren muss, da möchte ich mir auch mal eine Meinung leisten. Denn: ich kann mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen, was ich den lieben langen Tag täte, wenn es das Internet nicht gäbe oder nie gegeben hätte. Gleichwohl weiss ich auch keinen Rat, wie meine Gesamtstruktur zu gestalten wäre, wenn das Internet so wie wir es kennen abgeschaltet, eingedämmt, gedrosselt, gesperrt, verunstaltet und/oder irgendwie unerschwinglich wäre. Neulich habe ich noch geunkt und so getan, als sähe ich naiv und wie ein schwülstiger Positivist in die Zukunft, das ist aber falsch, um es genau zu sagen: ich arbeite an meiner Zukunftsangst.

Ich kann mir, vielleicht auch ob diverser Zwackungen an meinem Leib und den Verzwickungen mit der Menschheit, die oft plötzlich über mich und die Menschheit, bzw. über die Menschheit und mich hereinbrechen, nicht mehr vorstellen, dass ich mir etwas schier Auswegloses vorstellen kann. Ich habe immer einen Ausweg gefunden, auch wenn dieser Weg sumpfig und mit Dornen und Ungetier gepflastert war. Aber der sumpfige und mit Dornen und Ungetier gepflasterte Weg führte bislang immer zu einem Ausweg. Gut, der Ausweg war manchmal eine Tür nach draußen im 55. Stock eines Hochhauses ohne Geländer, aber es war ein Ausweg. Ob es nun eben diese Verzwickungen mit Andersdenkenden, sogenannten Freunden, Mitgliedern meiner Familie oder politische Gegner waren, wir konnten uns stets einigen. Wenn die zappelige Nadel das Stimmungsbarometers im Tiefdruckbereich tanzte, dann wusste ich was zu tun ist.

Heute ist das anders. Zum einen ist ja angeblich nichts mehr wichtig, dafür vieles egal und zum anderen ist es genau umgekehrt. Menschen die mir begegnen sind gleichsam von zwei Seelen beseelt. Ich wähne mich im Gespräch mit Erwachsenen, die mir Aufgrund der technischen Möglichkeiten des Internets so etwas wie Freunde geworden sind, stehe aber im Grunde in Kontakt mit mentalmoralischen Absonder- und Fremdlingen. Kurze Irritationen führen zu Missstimmung, Rausschmiss, Fadenscheinigkeit und schlecht Zeugnis. Wie ganz kleine Kinder. Aber ganz kleine Kinder würden nach kurzer Zeit die Lust an den ewigen Querelen verlieren. Nicht so wir putzigen Absonderlinge. Es werden Tag für Tag weltweit millionen trauriger, motziger, subtil anklagender Tweets, sowie Beziehungsstresstweets und Beziehungsstresssimulationstweets erdacht, auf einem Word-Dokument zwischengespeichert und zur Primetime getwittert. Es wird geschwindelt, erfunden, erdacht, falsch gedacht und es Befindlichkeiten simuliert, dass es eine wahre Pracht ist. Und alles nur, weil wir Interfuzzies nicht wissen, wie wir uns ausdrücken können oder müssen.

Glaube ich.

Und wenn dies geschieht, dann nicht ausführlich in einer kessen Diskussionsrunde oder zu zweit auf einem Sofa zu einer zünftigen Stiege Tetrapak Rotwein mit Cola, sondern es wird sich beschwert, geunkt und empfunden in 140 Zeichen auf einer der größten Ironieplattform aller Zeiten. Und da drückt die ewige Ironie die digitale Gesellschaft in Sachzwänge, die nicht mehr kontrolliert werden können. Kurzum auf dem (womöglichen) Zenit des Zeitalters der Kommunikation haben wir das Kommunizieren verlernt. Wir verstehen uns nicht mehr. In Foren, Kommentarbeiträgen, auf Twitter oder sonstwo herrscht Unsicherheit, ob das Gesagte auch richtig  ankommt, ob man auch cool rüberkommt, ob sich die subtile Andeutung auch wirklich im Gemüt der Zielgruppe einnistet. Der scheinbare Ausweg ist die Garnierung der Erklärungstexte mit schon längst der Lächerlichkeit preisgegebenen Erklärungsaccessoires wie LOL :o) oder *wegduck*. Obendrein ist die tatsächliche Nähe, zu den auf eine Unzahl angewachsenen Bekanntschaften und Freunde eher nicht vorhanden. Man kennt sich eigentlich gar nicht. Das führt zum einen per se zu Missverständnissen beim Zuhörer oder Leser und zum anderen fehlt oft das Vertrauen oder der Mut oder einfach der Anstand offene Worte zu formulieren. Also wird in Lakonie, Ironie und Witzhaftigkeit schwadroniert, gemauert und am Ende geblockt. Im Internet ist ja alles nicht so ernst wie im richtigen Leben. Man muss sich locker geben und echt voll nicht so aufregen. Wie einfach ist der Absagebutton gedrückt und wem selbst das zu heikel kann ja die „Teilnahme unsicher“-Karte ziehen und alle sind irgendwie nicht so belastet mit Stress. Es ist alles total easy und wer will diese hippe Hippieness mit von Ernsthaftigkeit beseelten Sondereinwänden unterminieren. Aber wir müssen reden. Nein, wir müssen gar nichts. Aber wenn wir kommunizieren wollen, dann müssten wir reden. Wir müssen eventuell eine Sprache finden, vielleicht müssen wir das Ironiefähnchen erfinden oder Ironiekurse machen, Ironie-Universitäten gründen. Oder einfach das sagen, was wir sagen wollen und umgekehrt nur das hören, was gesagt wurde. Es wäre natürlich jetzt vermessen von mir zu behaupten, ich wüsste wie das geht. Bei mir ist das linke Ohr auf 1:1 gestellt und das rechte hört das, was es hören will. Obwohl ich krampfhaft der Ironiebewegung angehöre, so habe ich noch lange nicht begriffen wie es funktioniert. Ich merke erst oft erst Wochen, ja Jahre nach dem Vorfall, dass es überhaupt einer gewesen ist. Ich bin mir ja auch sicher, dass ich den ganzen Tag grinse oder wenigstens lächle und erst die Frau machte mich 2003 darauf aufmerksam, dass mein default-Gesichtsausdruck ein eher missmutiger ist. Also stolziere ich innerlich freudig erregt von Leberwurstfettnapf zu Leberwurstfettnapf. Ein Ende ist nicht abzusehen, aber… HABEN SIE MICH GERADE FETT GENANNT?

„Ja!“

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2 Gedanken zu „Das Ironiefähnchen“

  1. Sehr schick geworden, dieses Blogroyalüberholungsdesign. Meine das vollkommen unironisch. (Ich darf das sagen, mute niemanden und habe nur eine kitzelkleine Handvoll Superspammer und Nazis geblockt.)

  2. Danke Herr Drikkes. Es basiert natürlich auf einem Theme, welches wir langwierig ausgewählt haben und nun gibt es ca. 20.000.000 Einstellungmöglichkeiten, an denen wir zerbrechen können.

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