Ich kann nicht mehr schweigen

 

Heute ist Freitag, der 28. März 2014. Gestern Abend habe ich, aufgrund der vielen Nachrichten über das Ereignis auf Twitter, mit einem halben Ohr und 0,8 Augen die Echo-Preisverleihung im Ersten verfolgt. Und so viel kann ich sagen: Es war grauenvoll. Ich dachte zunächst, na das ist halt Geschmacksache was da abgeht. Wer’s mag. Die Welt besteht aus Leuchtdioden und Helene Fischer ist halt eine sogenannte Schlagersängerin, die das Genre mit gewohnt läppischen Texten, aber mit einer Art horrortechnoisiertem Klangteppich unterlegt. Ich weiss nicht wie man diese Art von Musik nennt. Aber das muss heutzutage wohl so sein. Es ist wie Klostein, wie Geruch ohne Geruch, wie ein Sack Reis.

Ich habe dagesessen und ich habe diese Sendung hingenommen. Wie man das halt so hinnimmt, weil, man hat ja selbst andere Sorgen und einen Haufen Arbeit und es gibt das Kernkraftwerk von Fukushima Daiichi, die Kinder in Kabul und gequälte Tanzbären. Dann las ich bei Nilz Bokelberg folgenden Satz: „Menschen unter 18 Jahren sollten nicht einmal wissen, wer Helene Fischer überhaupt ist!“ Und da dachte ich, Menschen über 18 aber auch nicht. Helene Fischer mag sicher eine sehr nette Person sein und ich wünsche ihr auf ihrem Lebensweg alles Gute und freue mich, dass sie so wunderschön zu sein scheint. Offenbar kommt ihre Erscheinung bei der Zielgruppe gut an, so dass sie sich entsprechend aufreizend inszenieren und inflationär formatieren lässt. Aber ansonsten kann DAS doch nicht das sein, was wir früher mal Popkultur genannt haben. Es kann (mal ganz nebenbei) doch auch nicht sein, dass Leute, die so eine Veranstaltung moderieren, auch noch da einen Preis gewinnen. Das hat doch ein Geschmäckle. Es kann aber des weiteren nicht sein, dass der ganze verzweifelt auf schlichte Gemüter produzierte Dreck so deep in der Gesellschaft und in der Hauptkäuferschicht angekommen ist, dass man getrost hohe Wetten darauf abschließen kann, dass der grauenhafteste Beitrag der Nominierten am Ende auch gewinnt. Was passiert da? Auch ähnliche Veranstaltungen wie der MTV Music Award, die Oscar- oder die Grammy-Verleihungen, die natürlich auch extrem auf kommerzielle Durchsetzbarkeit konzipiert sind und ganz klar auch das Verkaufen und Vermarkten von der jeweiligen Produkte im Auge haben, sind nicht im Ansatz von solch einer Peinlichkeit durchdrungen wie es die Echo-Verleihung gestern war und wie es im Grunde alle derartigen Veranstaltungen in Deutschland und mit deutscher Beteiligung eben sind und scheinbar für immer sein müssen. Dass man sich da jemanden wie Stefan Raab an die entsprechende Entscheiderposition wünscht, um wenigstens das schlimmste Stildesaster zu verhindern, ist auch nicht wirklich richtig und spricht natürlich von einer über- und unmenschlichen Hilflosigkeit. Woran liegt es, dass es in Deutschland nicht annähernd möglich zu sein scheint, eine entsprechende Veranstaltungen stilvoll, mit ein bisschen Coolness und annähernd ohne Fremdscham über die Bühne zu bringen? Liegt es an der deutschen Sprache? Der blassen Haut der Protagonisten, 80.000 Zoll großen LED-Displays? Liegt es am ewigen Peter Maffay? Haben wir einfach keinen Geschmack? Es gibt doch genug Menschen, die das offensichtlich nicht mehr aushalten, seit Jahren darunter leiden, dass die (Pop)kulturwelt so verhunzt ist. Sind das nicht genug Menschen um einen Wechsel zu vollführen? Oder lebe ich in einer eigenartigen Blase, in der ich nicht mehr wahrnehme, was „draußen“ wirklich passiert? Ich bin mir nicht sicher. Natürlich galten Schlager früher als peinlich und man hätte sich lieber im Wüstensand zusammen mit Skorpionen und Sandvipern vergraben, als dabei beobachtet zu werden Howard Carpendale oder Roland Kaiser zu hören. Aber was waren das für Granaten im Vergleich zu der heutigen komischen Musikwelt, in der Leute ohne jegliche musikalische Ambition mit verzerrten Stimmen und Technobeats untermalten Geräuschen eine Bühne betreten dürfen und dann auch noch bejubelt werden? Was ist denn mit der Jugend? Muss die nicht kotzen? Was ist mit uns Berufsjugendlichen, die wir früher in bierschweißschwüligen Kellern gestanden haben und uns Typen angesehen haben, bei denen unsere Eltern die Hände über den Kopf zusammen geschlagen hätten. Und das zu Recht. Weil diese Menschen einfach eben nicht Konsens waren und weil deren Vollziehung des Alltags eben nicht als Verhaltensdoktrin in dieser gesamtdeutschen Samstagnachtmittag-Welt hätte dienen können. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube nicht, dass wir früher da gestanden haben, mit unserem schalen, abgestanden Bier und dem dusseligen Kopf, geschwängert von Schnaps und anderen qualmverursachenden Naturprodukten, und gedacht haben, das machen wir jetzt für immer und mit 47 sind wir immer noch so.

Doch, ich glaube, das haben wir gedacht. Wir haben ja auch gedacht Johnny Thunders lebe ewig und die Toten Hosen blieben für immer so wie sie uns das 1983 in „Opel-Gang“ versprochen haben. Wir haben natürlich an die Ewigkeit geglaubt, aber es war doch auch ganz deep drinnen klar, dass irgendwann die Wut verraucht und der letzte Sud gesoffen ist. Aber es war nicht klar, dass es so etwas überhaupt nicht mehr und in keiner Form geben wird, dass Popkultur von Menschen wie Sigmar Gabriel verwaltet würde. Es war nicht klar, dass Peter Maffay da oben auf der Bühne ewig stehen würde. Das haben wir nicht gewusst. Das hätte man ja auch nicht ahnen können. Wenn ich mich schon als pubertärer Knabe gewundert habe, wieso speckgesichtige Halbstarke im Konfirmantenanzug zum Lautsprecherklang der Schallplatte „Heartbreak Hotel“ von Elvis Presley ganze Säle zerlegt haben, war mir doch irgendwie klar, dass sich sich Pop- und Revolutionskultur zeitgemäß entwickeln werden und dass sich das was meine Eltern mal aus dem Sessel gerissen hat, für uns Chicks anmutet wie feuchte Handtücher beim Runterfallen von der Handtuchstange.

Aber davon kann ja heute gar nicht mehr die Rede sein. Es ist alles so wunderschön und supi, alle sind Popper, selbst Musik die mir als Alternative vorgestellt wird, klingt wie acht Wochen im Studio abgemischte und von studierten Studiomusikern eingespielte Klangbeispiele für Lautsprecherverkaufsräume.

Ich weiss auch gar nicht, an wen ich mich wenden müsste, um mich zu beschweren, dass das alles so gekommen ist. Irgendwas ist nicht mehr richtig. Ich sehe Grafikdesign- und Werbeerzeugnisse, denen man ansieht, dass die Protagonisten mit ihren Gedanken schon im kühlen Grabe weilen. Ich höre Musik, bei der nicht der kleinste Funk(e) von irgendetwas mit Seele, auf die Fresse, Ficken oder Isaac Hayes überspringt. Es fehlt einfach an allem. Heute stehen für den Grand Prix Eurovision de la Chanson drei Protagonistinnen einer Studentenkultur, die vor der Protestbesetzung eines Hörsaals bei der Universitätsleitung nachfragen ob sie sich Stühle für die Eingangsblockade leihen dürfen, auf der Bühne, haben sich in seltsamen Chic verkleidet und vom Himmel fallen Streifen und Alufolie, während drei Meter vorm Bühnerand B-Promis gesponserten Sekt aus Plastiktulpen saufen und das Fernsehen hat 42 Kameras aufgebaut und überträgt noch das letzte Silikondekolleté bis ins Wohnzimmer nach Hinterhornbach. Da reitet weder Bianca Jagger, ja noch nicht mal mehr Will Smith, auf einem Schimmel auf die Bühne. Es ist schlimmer als Plastikrosen im Senfglas. In dieser Gesellschaft wäre ein Steven Patrick Morrissey niemals möglich gewesen.

Eine Schlagersängerin tanzt dafür im knappen Bustier, wie eine Marionette aus dem Tanzpanoptikum von Detlef Soost, über eine 3-stöckige Bühne, dass einen plötzlich das dringende Gefühl ereilt, unbedingt mal zur Schlaganfall-Vorsorge gehen zu müssen. Warum ist das so und was machen wir denn jetzt? Und warum spreche ich eigentlich ausschließlich zu Menschen, die wahrscheinlich mit mir in allen Punkten down sind und warum ist es dann nicht einfach egal und wir gehen einfach nicht mehr hin, zu der Scheiße. Es hat mich ja keiner gezwungen die Scheiße auf einem 140 Zoll-Fernseher mit Dolby®-irgendwas-Sound anzuschauen.

Doch es ist alles da. Diese Geisterbahn, diese Botox-Kultur. Wir können das nicht länger hinnehmen. Am Ende wird man wieder sagen, wir haben doch von all dem nichts gewusst. Das ist aber nicht richtig. Wir wissen doch, was los ist. Wir haben es doch bereits gesehen, gehört und geschmeckt.

Hier, Ihr Typen mit dem Abi-2013-Aufkleber auf dem Auto, Ihr Jacketärmelhochkrempler, Kassierer und Abkassierer, Fahrradfahrer, Veganisten und Teewurstesser, Blogger und Geblockte, Showmaster und Experten, Hausärzte, Apotheker-Söhne und Direktoren-Töchter, Hartz IV-Zerknüllte, Minifahrerinnen und Mitfahrer, Bullenschweine, Facebook-Promis und Twittergelehrte, Schriftsteller ohne Verlag, Angeber, Pappnasen, Geliebte und Gelobte, Ihr Frisurengeschädigte, NSA-Verzweifelte, Honks und Hipster, Aufgegeilten, Femen und Verfemte, Verbesserer und Bessere, liebe Freunde…

Sagt doch auch mal was!

Schmalzgewinn

 

Vor ungefähr 150 Jahren haben wir einmal ein Gewinnspiel ausgerufen. Es ging da um die Frage, welches Schmalz bei unserem Megatron-Schmalztest gewonnen hat. Na und nun haben wir die Gewinner ermittelt.

Es gabe Kirschsekt, Shirts, Rippchen & Kraut-Memory, Bücher, Magazine, und so, zu gewinnen. Man kann sich gar nicht vorstellen wie toll das alles war und ist. Und heute haben wir die Gewinnerinnen und Gewinner ausgelost. Folgendes ist also zu vermelden:

1. Preis: Katharina Kuhn

2. Preis: Nicole Ehlers

3. Preis: Maria Grabosch

4. Preis: Gabriel Guermann

5. Preis: Winfried Lengsfeld

Die Gewinnerinnen und Gewinner wurden bereits per eMail benachrichtigt und werden sich bald über Post wundern.