Fußi-EM 2016 / Martina Gedeck-Tag

Und nun kommt um 15 Uhr ein Kunde und ich kann die 15 Uhr-Begegnung gar nicht richtig verfolgen. Nur immer so mit einem Auge. Also unkonzentriert in beiden Themen, aber immer einen kessen Spruch auf der Lippe. Ja, das kann ich. Aber so wird es nicht sein. Ich werde mich natürlich voll und ganz meinem Beruf widmen. Hauptsache es bleibt friedlich.

RUSSLAND vs. SLOWAKEI
Hauptsache es bleibt friedlich. Das ist doch die Hauptsache. Und wenn es nicht friedlich bleibt, dann bitte ganz einfach keine Bilder von den Zuständen übertragen, so kann man sich wenigstens der Illusion hingeben. Illusion ist wichtig. Hauptsache Illusion. Wenn die Russen so spielen, wie gegen England, dann brauchen sich die Slowaken keiner Illusion hinzugeben. Ich sach’s nur. Boah, was schreibt man denn, wenn man über Russland schon alles gesagt hat, was man je sagen wollte? Und über die Slowakei genauso. Ich stelle mir die Slowakei übrigens so vor, wie die Länder aus den Tim & Struppi-Büchern. Ich bin schon als Kind davon ausgegangen, dass alles, was nicht in einem erfundenen südamerikanischen Land spielt, in der Slowakei stattfindet. Besonders verblüffend, wo es doch die Slowakei damals gar nicht gab. Außer in Tim & Struppi-Büchern und in meinem Kopf. Und weil das so ist, ist die Slowakei für mich vor allen Dingen eins: Niedlich. Im Gegensatz zum Russen. Russen sind niemals niedlich. Noch nicht mal Rehkitze in russischen Kinderbüchern sind niedlich. Alle (auch die Rehe) haben kurzgeschorene Haare und trainieren in großzügigen Hallen mit Kronleuchtern an den Decken, während unsereins Baumstämme durch Schneeverwehungen ziehen muss. Unsereins ist immer der Dumme. Aber praktischerweise ist es so, dass hinterher immer das Niedliche gewinnt. Das kann man in der Welt überall beobachten. Man denke nur mal an die niedliche Angela Merkel oder den niedlichen Papst oder den niedlichen Toni Kroos. Alles Siegertypen (m/w/trans). Und genau aus diesen Gründen gewinnt die Slowakei durch ein Tor in der 45. Minute mit 1:0, während sich die Russen in der Halbzeitpause noch eine Standpauke von Leonid Sluzki anhören müssen. Aber es nützt nix. Gegen die Niedlichen kommt niemand an. Noch nicht mal der Russe. Da kann der Russe noch so lange vor der Tür stehen.

RUMÄNIEN vs. SCHWEIZ
Die Schweiz galt ja jahrelang auch als niedlich, aber wer das bedingungslose Grundeinkommen ablehnt, hat alle Niedlichkeit verspielt. Es hätte so schön werden können. Besonders die Rumänen hätten das Geld doch gut gebrauchen können. Ich z.B. hatte mir überlegt, einen Eiswagen zu kaufen und Eisverkäufer zu werden. Aber daraus wird jetzt nichts. Danke Schweiz für nichts. Und weil da die Rumänen jetzt mit so viel Hass ins Spiel gehen, werden die komplett unniedlichen Schweizer schier überrannt und man wird hinterher von einem historischen Sieg sprechen. Wenn die Schweiz da nicht vorher das Volk fragen täte, was sich dann gegen einen Sieg der Rumänien in diesem Spiel ausspricht. So geht also dieses Spiel mit 2:2 aus. Das ist natürlich Quatsch, denn es geht 0:0 aus. Kein Spiel geht 2:2 aus. Das ist doch Bezirksligafußball, der so ausgeht. Diese Taktikmaschinen bei der EM sind doch nur noch zu Spielen mit allerhöchstens insgesamt 2 Toren fähig. Und dass ich das alles erzähle, liegt einzig und alleine daran, dass mir nichts Bewegendes zu der Partie einfällt. Da verhält es sich so ähnlich wie mit der Partie Russland vs. Slowakei. Aber das soll jetzt nicht bedeuten, dass ich grundsätzlich keinen Bock mehr auf diese EM hätte. Es brennt nur gegenwärtig noch nicht so ein Feuerlein in meiner Milz. Es ist alles ein bisschen unsensationell und außer, dass ja wohl Deutschland und Italien das Endspiel bestreiten werden, was dann mit 7:1 für Deutschland ausgeht, kann man einfach noch keine Prognosen stellen. Dazu ist es noch zu früh. Hier aber geht Rumänien gegen die Schweiz 0:0 für die Schweiz aus. So viel kann ich an dieser Stelle verraten, liebe Leserinnen (m/w/trans).

FRANKREICH vs. ALBANIEN
Jetzt aber wird es wirklich spannend. Frankreich hat ja noch nicht sooooo den Megaeindruck hinterlassen. Und Albanien unterlag der Schweiz im ersten Spiel mit 0:1, aber das wird jetzt alles anders. Da brennt die Hütte. Das erste Spiel, bei dem einfach alles anders wird. Alle Taktiken werden auf einem Kartoffelfeuer in Worpswede verbrannt und es wird Fußball gespielt, wie es ihn in der Geschichte des Fußballs bisher nur einmal 1954 beim 8:3 der Ungarn gegen Deutschland gab. An das 7:1-Halbfinale 2014 möchte ich nicht mehr erinnern, das war ja an Unwirklichkeit kaum zu übertreffen. Aber jetzt wird Hurra-Fußball gespielt. Ein Fußballfest wird gefeiert und zwar von beiden Mannschaften. Kingsley Coman, Olivier Giroud, Antoine Griezmann (bei dem ich aus unerfindlichen Grüßen immer Bock auf Griezbrei bekomme), Paul Pogba und Blaise Matuidi werden sich derart ins Zeug legen, dass dem Albanier das Ohr schlackert, wenn sich der Albanier in Person von Sokol Cikalleshi, (dem gelb/rot gesperrten) Lorik Cana, Arlind Ajeti und natürlich Armando Sadiku vom FC Vaduz nicht das ihrige tun wird und so werden zwei Systeme an der Mittelfeldlinie zusammenprallen, die sich gegenseitig neutralisieren und es wird für beide Mannschaften so sein, wie für Martina Gedeck in dem Film „Die Wand“. Ich glaube darauf kann man sich gefasst machen. Aber damit nicht genug. Die Fans beider Mannschaften werden im Stadion und auch davor in Liebe und Leidenschaft aufeinanderprallen, vorher, nachher und währenddessen mehrere Kinder zeugen und sie alle Ursula-Teutonika-Angela Müller nennen. Es wird sehr Jean-Baptiste Grenouilleesk sein. Dafür werde ich sorgen. Dafür stehe ich quasi mit meinem guten Namen. Und so, das können Sie sich als aufmerksamer Beobachter dieser EM ja denken, wird dieses Spiel also 0:0 ausgehen. Aber ein 0:0, das alle Seiten zufriedenstellt. Das alle Menschen glücklich macht. Ein 0:0, das für die Zukunft und für ein vereintes Europa steht, das dann wiederum die Welt von den Fesseln der Dingsbummshaftigkeit befreit. Ich muss leider aufhören zu schreiben, denn ich muss weinen.

Fußi-EM 2016 / Das Ende des ersten Spieltags

Will sich bei mir eine EM-Euphorie einstellen? Nein. Vielleicht ist das auch vorbei, bevor es überhaupt angefangen hat, wenn man sich die Umstände so anschaut. Die Sicherheitsvorkehrungen, wieder mal die Hooligans, der offensichtlich korrupte Gesamtverein, dass immer die Anderen gewinnen. Ach, naja. Und jetzt muss ich also Begegnungen wie Österreich vs. Ungarn besprechen. Das ist doch kein Leben. Was soll man denn da schreiben?

ÖSTERREICH vs. UNGARN
Ich musst eben echt nachschauen, ob es wirklich Öster Reich heißt und nicht etwa Öste Reich. Man muss sich ja nichts mehr merken, seit es das Internet gibt. Österreich zu besprechen, ist auch eher so semiwundertoll. Obgleich ich ja Österreich so vom Konzept her mag. Wenn nur nicht diese unfassbar vielen FPÖ-Wähler wären. Was wollen die denn eigentlich? Klar, die FPÖ wählen. Aber was kommt dann? Müsste man nicht weltweit in extremer Sorge sein, dass es wieder schief geht, wenn man Schwachköpfe zu seinen Anführern wählt. Ich habe mir gestern einmal mehr Donald „Duck“ Trump angeschaut und da dachte ich (einmal mehr), das darf doch alles nicht wahr sein. Das muss man doch merken, dass der nicht an der richtigen Stelle eingesetzt wurde, nachdem man ihn gebar. Das hätte man doch da schon merken müssen. Ach, schade. Naja. Hat ja mit Österreich auch nix zu tun, aber so habe ich Zeilen geschunden. Und ich darf gar nicht an Ungarn denken.

Aber zunächst: Österreich hat eine solide Quali hingelegt. Da kann man nicht meckern. Sie haben Angstgegner wie Montenegro, Liechtenstein und Molwanien regelrecht zerlegt. Und mit Christian Fuchs von Leicester City haben Sie sogar einen Kamerad Schnürschuh aus der Kategorie „Premier League Gewinner“ in ihren Reihen. Mal von David Alaba abgesehen. Und dann noch ein paar (quasi alle außer Robert Almer (Austria Wien)) Spieler, die beim FC Ingolstadt spielen. Also muss es ja gelingen. Gähn. Ach, was weiß denn ich. Bei den Ungarn sieht es gleich viel „besser“ aus. Wenigstens habe ich die Jogginghose von Gábor Király gesehen, dem vielleicht nach Tomáš Rosický ältesten Fußballspieler der Welt. Darf man Torwärte eigentlich als Fußballspieler bezeichnen? Die stehen doch nur rum. Naja, jedenfalls schießt David Alaba erstmal zwei, drei sehenswerte Eigentore, bevor dann Marc Janko sich auf seine Tugenden besinnt und in der 52., der 61. und 89. Minute drei Tore den Ungarn unter die Latte semmelt und daher geht das Spiel 3:2 für Österreich-Ungarn aus. Gegen wen spielen die eigentlich?

PORTUGAL vs. ISLAND
Jetzt freu ich mich aber. Zwar werden die Portugiesen 78 Minuten nichts machen und nur ein bisschen auf und ab joggen, aber dann schlenzt natürlich Christiano Ronaldo das Leder dem bedauernswerten und bis dahin arbeitslosen Hannes Þór Halldórsson zwischen die Beine und das war’s dann auch schon. Endstand 1:0. In Portugal war ich mal. Genauer in Aljezur. Da kaufte ich mir vom letzten Geld eine Salami, die im Prinzip nur aus Fettkugeln bestand. Ich warf sie dann weg. Damals wohnte ich ein paar Tage in einem kleinen Eichenwäldchen und freundete mich mit einem Nashornkäfer an. Da war Christiano Ronaldo gerade mal 3 Jahre alt und wahrscheinlich trug er damals schon Öl im Haar, da, auf Madeira, wo er herkommt. Ich habe mir neulich Madeirawein zum Kochen gekauft. Seit dem schütte ich in alle Speisen Madeirawein hinein, wenn ich nicht Reiswein und Pflaumenwein hineinwerfe, was wiederum die Frau zur Weißglut bringt, weshalb ich darauf verzichte und also: Madeirawein. Madeirawein macht aus allen Gewässern eine formidable Soße. Und weil Madeirawein so toll ist, finde ich Christiano Ronaldo auch irgendwie ganz knorkus. Ist nicht der Flughafen auf Madeira einer der gefährlichsten Flughäfen der Welt? Gut, dass der Ronaldo da weggezogen ist. Manchmal frage ich aber auch, was Alfreð Finnbogason so fühlte, als er von Reykjavík nach Augsburg zog. Ist das denn schön, so nach Bayern zu ziehen oder fehlt einem da das Meer und die lustigen Isländer? Oder ist es in Augsburg womöglich viel, viel besser als in Island. Kann doch sein. Da muss man gar nicht so blöd lachen. Naja, wie dem auch sei. Alfreð Finnbogason also, geschwängert vom Hasen-Bräu-Bier schießt… ach quatsch, er schießt ja gar nichts, außer vielleicht den Bock ab, denn es geht ja 1:0 für Portugal aus. Setzen Sie bitte Ihr gesamtes Guthaben auf was weiß ich für einen Tipp, aber bitte nicht auf meinen, denn ich weiß ja auch nicht.

Fußi-EM 2016 / Der älteste Mann der Welt

Manchmal glaube ich, ich schaue eine ganz andere Begegnung an, als die Typen, die sich insbesondere im Internet darüber auslassen. Diese vielen Meinungen zu Mesut Özil sind ja kaum auszuhalten. Ich befürchte, „man“ hat einfach keine Ahnung vom Fußball und ich weiß (zufällig sehr genau), dass das Meckern und auch das Jammern in diesem Land zwei hervorstechende Tugenden sind. Ich würde mal sagen, wenn sich die Menschen entsprechend ihrem tatsächlich vorhandenen Zustand fühlen würden, hätten wir so unfassbar viele zufriedene, gar glückliche Menschen in diesem Land und dann könnten die sich um die tatsächlich Zurückgebliebenen und Zukurzgekommenen kümmern und… hach… Glanz & Gloria. Aber nun. Es ist, wie es ist. Leider.

SPANIEN vs. TSCHECHIEN
Ach, das ist mir ja auch gleich wieder scheißegal. Ich will nicht, dass Spanien schon wieder Europameister wird. Das ist jetzt auch mal genug. Aber müssen die deswegen gegen Tschechien verlieren? Ach, naja. Warum auch nicht. Unfassbarerweise ist Tomáš Rosický ja noch älter als Petr Čech, von dem ich dachte, dass nur Peter Schmeichel älter ist. Immer noch ärgert mich übrigens der Abgang von Tomáš Rosický vom BVB. Gut, das ist jetzt 10 Jahre her, aber da so zu tun, als müsse man in der Hölle arbeiten… also diese Haltung zu seinen Verträgen und Verpflichtungen, nee, da bin ich immer noch sauer. Daher sollen die Spanier doch mit ihrem Tiki-Taka-Fußball gewinnen. Aber ach, naja. Die Scheschen haben es auch mal verdient. Man denke nur an das verlorene Finale aufgrund eines Golden Goals. So was wünscht man doch auch niemandem. 

O Gott, Tomáš Rosický ist ja sogar älter als Iker Casillas, von dem ich bisher annahm, dass er der älteste Mensch der Welt sei. Naja, also ich weiß ja nicht. Warum treten die Tschechen mit so einem Spielermaterial überhaupt zu sowas an, wo doch die Jugend gefeiert wird, bei so einer Europameisterschaft. Das weiß doch ein jeder. Deshalb tippe ich, dass Tschechien gegen Spanien untergeht, wie weiland die Tschechische Armada und so geht das Spiel kantersiegesk mit 1:0 für Spanien aus.

IRLAND vs. SCHWEDEN
Du lieber Himmel. Wieder so eine Schwachsinnsbegegnung. Während Irland ja wenigstens  Superstars wie Robbie Keane von den LA Galaxy (LOL) oder Shay Given (tatsächlich noch älter als Tomáš Rosický) in ihren Reihen weiß, hat ja Schweden da niemanden aufzubieten. Wenigstens ein halbwegs solider Kicker wäre ja gut, aber da kann man bei den Schweden lange suchen. Schade. Deshalb wird Irland gegen Schweden auch mit 0:1 unterliegen, weil am Ende Mikael Lustig über sein offenen Schnürsenkel stolpert, alle lachen und der Ball in vollem Umfang über die Torlinie kullert. Dafür werden die Schweden und die Iren am Ende in irgendeiner Bar in Saint-Denis versacken und bis in die Puppen Seemannslieder singen, bis der Wirt sie alle rausschmeißt. Ich glaube, darauf läuft’s am Ende raus.

BELGIEN vs. ITALIEN
Ich bin mal, im Rahmen einer Zugfahrt nach London, in Brüssel ausgestiegen und habe mir eine Portion Pommes gekauft. Das war so ungefähr das Schönste, was ich je gegessen habe. Hat Kevin De Bruyne eigentlich nochmal was gerissen, seit er aus Wolfburg weggezogen ist? Da sehe ich Chancen, falls der nochmal zu sich kommt. Ansonsten… eijeijeijei… Der Italiener tut ja immer so geheimnisvoll und macht einen auf Muttersöhnchen und schwupp di wupp Spaghettisupp, gewinnt er 1:0, geht heim und trinkt einen schööööööijnen Lambrusco mit seiner Mutter und seinen 11 unehelichen Kindern. Interessant finde ich, dass Norbert Eder bei den Italienern mitspielt. Ich dachte, der sei seit 1990 aus dem Geschäft. Aber gut, der Italiener muss ja wissen, was er macht. Aber damit hat der Italiener aber nun wirklich den allerältesten Spieler in seinen Reihen, der ja das greise Alter eines Tomáš Rosický um Längen übertrifft. Ich bin ein bisschen erschüttert. Vielleicht sollte man noch erwähnen (und man sollte noch so einiges erwähnen), dass der Italiener am 13. November in Brüssel gegen den Belgier 1:3 verlor. Vielleicht wird hier schon einiges klar. Und kann auch sein, dass der Italiener dann noch vor kurzem mit 1:4 gegen Deutschland verlor? Ich bin mir nicht sicher, ob man das „einen Lauf haben“ nennen kann. Also denke ich, es kommt, wie es kommen muss, und Belgien gewinnt mit 1:0. Da kann man in Belgien jetzt schon mal die Pommes Schranke kalt stellen. Das muss schließlich gebührend gefeiert werden. 

Fußi-EM 2016 / Das Land, in dem ich wohne, spielt Kroos auf

Als wir gestern die Böller hörten im Stade Vélodrome in Marseille, da dachten wir sofort an Paris, an das Spiel im November und den Anschlag. Schon damals fand ich es bemerkenswert, dass die Spieler kaum oder gar nicht auf diese Explosionen reagiert haben. Als sei das normal, dass es kracht. Und gestern, da war es genauso. Fußballspieler sind schon auch komisch und es ist ein komisches Spiel, was wir da beobachten. Aber nun, das nur mal am Rande.

Außerdem möchte ich auf diesen Spiegel-Online-Artikel verweisen.

TÜRKEI vs. KROATIEN
Oha, da geht’s ja gleich los. Heißes Blut und kochende Gemüter sind zu erwarten. Sowohl die Supporter als auch die Spieler sind sicher jetzt schon auf 180. Das stelle ich mir so vor. Überhaupt stelle ich mir alle Menschen südlich des Weißwurstäquators so vor, wie die Typen auf Korsika in „Asterix auf Korsika“. Und von Fatih Terim (Imperator) und Ante Čačić (keine Ahnung, wie man den so nennt) erwarte ich wilde Tänze in den Coachingzonen. Und ich sehe bengalische Feuer und Klopapierollen. So will es das Vorurteil. Und weil ich glaube, glaube, glaube (ich weiß nämlich gar nichts), dass die Türken noch mehr Pep im Arsch haben, als die Kroaten, gewinnen die so ein Spiel, dem ich mal so ca. 3 rote Karten und 11 gelbe und gleich zwei verschossene Elfmeter prognostiziere, am Ende mit 4:3. Die Türken meine ich. Ich weiß nicht, ob das aus meinem Schachtelsatz klar hervorgeht. Ich tue jetzt einfach mal so, als stünden nicht etwa Spieler wie Ivan Rakitić, Luka Modrić und Ivan Perišić auf kroatischer Seite. Die Realität… HAHAHAHAHA. Außerdem frage ich mich, warum die Bayern damals Mario Mandžukić verkauft haben und weiterhin frage ich mich, warum der beste Torschütze der türkischen Mannschaft, Burak Yılmaz, in China spielt und was einem das so bringt und ob das Spaß macht, in China zu spielen oder ob es da nur um’s Geld geht? Sagen Sie jetzt nichts, ich glaube, ich kenne die Antwort schon.

POLEN vs. NORDIRLAND
Ja, okay. Die polnischen Spieler kennt man ja alle. Die spielen ja alle in der Bundesliga bei Vereinen wie Borussia Dortmund, AS Rom, FC Turin, Ajax Amsterdam und Legia Warschau. Nur einer fällt aus dem Rahmen. Robert Lewandowski spielt bei den doofen Bayern. Der hat ja alleine in der Qualifikation 197 Tore geschlossen. Von den 561 Kabinen- und Spindtüren möchte ich gar nicht sprechen. So einer ist immer gefährlich. Da braucht man schon einen Diego Buchwald, um den spieltechnisch auszuschalten. Ich sage extra spieltechnisch, denn natürlich möchte ich nicht, dass Menschen ausgeschaltet werden. Aber wer soll so eine spieltechnische Ausschaltung bei den Nordiren bewerkstelligen? Um ehrlich zu sein: ich habe überhaupt keine Ahnung. Bis auf George Best kenne ich keinen einzigen nordirischen Fußballspieler. Ja, ich kenne noch nicht mal einen nordirischen Menschen. Wie soll denn da was gelötet werden, bei so einem Spiel? Also ich glaube, jetzt mal ganz realistisch, da lässt Polen keine Bude zu und es geht zu Null aus. Setzen Sie 100 Milliarden Dänische Kronen auf Polen und auf ein 5:0. So traurig es ist. Aber jetzt muss ich dringend meine nordirische Fahne suchen.

DEUTSCHLAND vs. UKRAINE
Dass ich Deutschland versal und fett schreibe, hat einfach typografische Gründe und es drückt nicht meine Haltung zu meinem Herkunfts- und Wohnland aus. Hier abermals eine meiner Meinungen zum Nachlesen diesmal niedergeschrieben von Andreas Borcholte. Sie können sich also wieder beruhigen. Herrjeh. Nun – leider sehe ich da auch kein Land für die Ukraine, was mir einmal mehr leid tut, als dass ich NA TÜR LICH zum Beispiel die Krim schon als ein Land sehe, für die Ukraine. Aber halt im Sinn von Fußballtoren… also diese Dinger, die man angezeigt bekommt, wenn man den Fußball in das gegnerische Fußballtor kullern lässt. Das nennt man dann Tor und so schreit man es auch euphorisch in den Nachthimmel, was manchmal seltsam anmutet. Die Deutschen (da würde ich übrigens neben allen wohnen wollen, wenn sie nicht David Guetta hören würden oder einen aufdringlichen Hund hätten oder Sachen wie „Schland“ und „Sieg Heil“ aus dem Fenster brüllen), diese Deutschen werden so um 21:04 Uhr das erste Tor schießen und das wird dann nicht mehr nachlassen, bis schließlich um 22:45 Uhr die ukranischen Spieler froh sind, wenn Sie sich zu einer Flasche Krim-Sekt in der Kabine treffen können, um den Tag nochmal Revue passieren zu lassen. Sie sind ja schließlich allesamt ordentlich Jungs und Jewhen Konopljanka hat ja gerade erst den UEFA-Cup (für mich heißt der immer noch so) mit dem FC Sevilla gewonnen, aber heute Abend, tja, da war das dann halt nicht so dolle, wa. Sorry. Mir würde im Übrigen gefallen, mehr von Emre Can, Leroy Sané und Jonathan Tah sehen. Und Mario Gomez wünsche ich eins bis zwei Tore, damit der endlich mal seinen völlig verkorksten Ruf hierzulande ablegt, den er ja zu Unrecht mit sich herum schleppt, bloß weil die 85 Millionen Fußballtrainer dieses Landes alle (ALLE) keine Ahnung haben (außer @freval und @rudelbildung). Weshalb ich auch nur mit einem halben Auge Twitter während des Spiels beobachte. Wenn ich nur das Wort Fubbes höre. Oder die Leute, die z.B. Christiano Ronaldo blöd finden, weil er irgendwie aussieht. Da sollte man sich mal die Statistiken anschauen und vielleicht, vielleicht, vielleicht mal ein paar Spiele und dann wird alles klar, liebe Lookisten und Männer, die gutaussehende Männer nicht so toll finden. Also, liebe Freunde des realistischen Bildes, das Spiel geht aus: 5:1, aber auch nur, weil ab der 89. Minute die gesamte Abwehr im Geiste schon in der Kabine ist, um den Ukrainern ihr Krimsekt-Pickolöchen wegzusaufen.

Fußi-EM 2016 / Endlich England

Ich weiß immer noch nicht, warum auf Twitter bei der Verwendung des Hashtags #em2016 die isländische Fahne erscheint und traditionsgemäß wurde mir diese, wie ALLE anderen Fragen, die ich je auf Twitter stellte, nicht beantwortet. Das wird eines Tages 1 Konsequenz haben.

ALBANIEN vs. SCHWEIZ
Gestern waren wir im Fußballrausch und sind es heute noch. Die Frau strickt und ich schreibe das hier ins Internet, während schon das erste Spiel läuft. Es steht auch schon 1:0 für die Schweiz, was mich schon wieder ärgert, denn so weiß ich gar nicht, wie das Spiel weitergelaufen wäre, wenn die Albaner nicht einem Tor hinterher laufen müssten. Sie waren doch mit so viel Hoffnung in dieses Turnier gestartet. Mancher hat sie schon in die Nähe eines Geheimfavoriten gerückt. Aber hier, dieser Titel ist doch nun wirklich Wales vorbehalten. Wie bekomme ich jetzt eine Brücke zu Stefanie Fiebrig, der Fußballfänin, Fußballbloggerin, Fußballersatzbankfotografin, Fußballgrafikerin und Fußballbuchautorin aus Berlin-Pankow hin, welche nämlich einen Ponyaufkleber auf ihrem Computer kleben hat? Die muss ich nämlich jetzt mal grüßen und ganz arg drücken und ich freue mich natürlich, dass Toni Kroos jetzt für den 1. FC Union spielt. Herzlichen Glückwunsch auch noch mal von meiner Seite. Und nun steht es immer noch 1:0 für die Eidgenossen. Die Eidgenossen haben bei der Hymne übrigens (auch) nicht mitgesungen. Ich empfinde das als einen Skandal. Neben denen möchte man wirklich nicht wohnen. Da die Albaner jetzt auch noch Rotgelb-geschwächt sind, weil Lorik Cana ein Handspiel absolviert hat, wird das nix mehr mit dem Ausgleich. Und Cana war ja nun nicht unerheblich für die Albaner. Schade. Also werden, es ist sehr traurig, dass ich das jetzt schon sagen muss, die Schweizer mit irgendwas zu Null gewinnen. Das hätte man sich aber auch vorher denken können. Ich bin auch schon wieder sauer.

WALES vs. SLOWAKEI
Die Leute aus der Heimat von Tom Jones haben natürlich keine Chance, aber sie haben Gareth Bale, von dem ich jahrelang dachte, er sei Engländer, und deshalb haben sie doch eine Chance. Nicht, weil ich jahrelang dachte, Gareth Bale sei Engländer, sondern weil der da mitspielt. Herrjeh. Die Begegnung findet in Bordeaux statt und bei Bordeaux fällt mir immer ein saublöder Helmut Kohl-Witz ein, den ich aber nicht erzählen kann, weil er EBEN SAUBLÖD IST. Herrjeh. Das tut mir allerdings leid für die vom Wein gebeutelte Region um Bordeaux, dass die mit so einem wirklich saublöden Witz in Verbindung gebracht werden. Aber mal was ganz anderes: Warum heißt es eigentlich 132 Jahre nach Unterzeichnung der Meterkonvention noch Fanmeile (An der Stelle möchte ich die Queen grüßen, die heute 132 Jahre alt wird)?

Mal von Bale abgesehen, muss man natürlich Aaron Ramsey erwähnen, den man im Rahmen eines sogenannten Phänomens (Ramsey Effect) in Verbindung für das Ableben von u.a. Whitney Houston und Robin Williams gebracht wird. Das ist natürlich Quatsch, aber da kann ich gut mitfühlen, denn mir werden in Verkettung verschiedener Zufälle und Aussagen das Dahinscheiden von Desmond Llewelyn, Lady Di und Hans Rosenthal angelastet, doch ich bin unschuldig. Das soll mir erstmal jemand beweisen. Ich weiß von Martin Škrtel, um mal vom Thema abzulenken, dass er beim FC Liverpool spielt. Das könnte eventuell ein Hinweis sein. Doch auf was? Naja, egal. Das Spiel wird eher ganz lustig sein. Die Protagonisten werden sich ärgern, dass sie in Standardsituationen nicht klüger agiert haben und so den Sack nicht rechtzeitig zugemacht haben. So wird Gareth Bale zwei Tore schießen und in der 85. Minute ausgewechselt um den Applaus einzuheimsen. Wales gewinnt 2:0.

ENGLAND vs. RUSSLAND
Da prügeln sich die „Fans“ ja schon seit Tagen fröhlich in Stimmung in Marseille, der romantischen kleinen Hafenstadt an der Adria. Ich bin ja seit Jahren vergnügter Fan der englischen Nationalmannschaft und komme sogar ein bisschen in der (*googelt Predullje*) Bredouille, wenn die gegen „uns“ spielen. Ja, ich habe „uns“ gesagt. Obgleich ich noch nicht mal einen Ball von einem Eierlikörglas treten kann. Aber da wird mir immer ganz schwummi und ich kann gar nicht sehen, wie die Engländer dann immer wieder zum Elfmeterschießen antreten. Dass sie das eher verlieren ist übrigens kein Gerücht. Denn die Engländer haben, und ich weine, während ich das schreibe, drei von vier Elfmeterschießen alleine im Rahmen von EM-Spielen verloren. Insgesamt haben die Menschen von der Insel exakt 1.711 von 1.715 Elfmeterschießen verloren, was schließlich ja jetzt auch zum Brexit der ganzen Menschheit führen wird. Aber das alles wird heute vergessen sein, denn heute wird gegen Russland haushoch gewonnen. Und zwar haushoch. Ich denke, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Window, wenn ich hier ein 7:1 für England prokrastiniere. Alleine schon, weil sie jemanden mit dem Namen Harry Kane in ihren Reihen haben. Den Russen, die ja lediglich mit Roman Neustädter von Schalke 05 einen, im nach russischen Maßstäben, Ausland spielenden Spieler in ihren Reihen haben, spielen daher noch mit Libero und hoffen natürlich, dass ihnen nochmal Lew Jaschin zwischen den Pfosten erscheinen wird, weil, wie soll es denn sonst werden? Das wird nämlich auch sehr peinlich, wenn bei der WM in zwei Jahren der Gastgeber schon in der Vorrunde… naja, ich will nicht zu viel verraten. Man darf gespannt sein. Aber heute, da will werde ich meine seherischen Fähigkeiten mal wieder unter Beweis stellen und sage frisch, fromm, frank und frei ein dreifach donnerndes 7:1 für dieses Spiel des Tages voraus. Setzen Sie Haus und Hof auf diesen Tipp. Sie können sich darauf verlassen, denn ich bin die zweiarmige Krake.

Fußi-EM 2016 / Eröffnungsspiel

Eröffnung bedeutet Hoffnung. Dass niemand anschlägt und der allgemeine Chauvinismus sich ein bisschen… ach naja. Man hofft ja oft so viel und reichhaltig. Da kommt das Ministerium für Hoffnung mit der Arbeit gar nicht hinterher.

Wenn also heute um 21:00 Uhr in Saint-Denis im Stade de France die Begegnung Frankreich gegen Rumänien, von keinem geringeren als dem 1-fachen japanischen Skisprungweltmeister im Skisprung Viktor Kassai aus Ungarn angepfiffen wird, heißt es wieder hoffen auf den „richtigen“ Ausgang der Begegnung. Ich habe mich früher (und manchmal auch noch heute) oft gefragt, was Gott eigentlich macht, wenn jetzt Franzosen und Rumänen gleichsam beten, man möge doch bittschön das Spiel gewinnen. Wird dann am Ende ausgelost oder ganz streng zusammengezählt? Der Rumäne, rein christentechnisch vom Sozialismus noch geschwächt, hat da natürlich keine Chance gegen die aus dem Land, wo Gott ja im Prinzip wohnt. Oder nimmt Gott gar keinen Einfluss auf die Begegnung und die Menschheit muss da schon selbst klar kommen? Oder hat Nietzsche Recht?

Also nun. Da das ja bei der WM im eigenen Brasilien so gut geklappt hat, habe ich mich nun wieder hinreißen lassen, auch dieses Jahre weise Voraussagen für jeden verdammten Spieltag hier hinein zu schreiben. Bei hinterherigen Spielanalysen habe ich immer Angst zu versagen. Angst vor dem Franzosen. Angst vor Frédéric Valin und davor, dass ich die zahlreichen (2) Accents in seinem Namen nicht richtig setze. Angst vor dem blonden Engel. Angst, Angst, Angst. Wenn ich aber vorher ein Spiel analysiere, bevor es überhaupt geschehen ist, dann kann ich hinterher immer sagen, ich hab’s nicht so gemeint. War doch Spaß. War doch Ironie. So habe ich seinerzeit das Halbfinalspiel Deutschland : Brasilien mit 5:1 getippt. Jahaha, da haben sie mich alle ausgelacht. Aber der Tipp war doch eventuell gar nicht so schlecht.

Also jetzt Frankreich gegen Rumänien. Und Zidane schweigt.  Spielt Just Fontaine eigentlich noch mit? Hier, ich frag ja nur. Also ich glaube das ist klar. Frankreich gewinnt 14:2 und ich kann auch belegen, warum das so sein wird. Da ist zunächst der quirlige Olivier Giroud, Kollege von Mesut Özil beim FC Arsenal. Der ist immer für 11-12 Tore pro Begegnung gut. Außerdem haben die Franzosen was gut zu machen, und den Rumänen fehlt einfach seit 16 Jahren ein Gheorghe Hagi. Da ist so gut wie nichts zu löten. Außerdem ist Alexandru Maxim erst neulich mit dem VfB Stuttgart abgestiegen. Habe ich schon den Namen Paul Pogba genamedroped? Nein? Paul Pogba. Ich glaube, das wird nichts. Andererseits sind die Franzosen sicher alle ganz aufgeregt. Überall Soldaten und der nicht abgeholte Müll, der sich in den Straßen stapelt. Wie sieht das denn aus? Da hat man als Gast doch gleich schon kein Bock mehr. Und das weiß der Franzose. Ich sage immer „der Franzose“, weil das so schön chauvinistisch und herablassend klingt. So drücke ich mein ironisches Verhältnis zum Chauvinismus und zur Herablassung gleich im ersten EM-Blogeintrag aus und alle wissen Bescheid. Ich werde auch dieses Spiel, so wie alle anderen Spiele dieser EM, zuhause mit der geliebten Frau (Haas) schauen und jede öffentliche Veranstaltung dazu meiden. Ich mag mir keine Landesfarben ins Gesicht schmieren. Ich mag auch nicht mit Leuten in zu engen Nationaltrikots und Funktionssandalen im Biergarten sitzen. Schon alleine, weil ich Bier verabscheue. Und biertrinkende Menschen in Funktionssandalen… na, da sollten Sie mich mal sehen, wie ich da umgehend ins angrenzende Gebüsch kotze. Lieber schaue ich mir zusammen mit fussballdaten.de und Wikipedia und natürlich der Frau und Erdbeeren und Popcorn und Kirschbrause das Spiel an und will mich fragen, was sich Didier Deschamps und Anghel Iordănescu bei ihrer Aufstellung gedacht haben oder ob sie nicht anders konnten. Frankreich hat ja, bis auf 1938, immer den Titel geholt, wenn sie zuhause gespielt haben, also wird das das erste mal sein, dass das nicht so sein wird. Da geht das Endspiel nämlich… ach… das verrate ich aber erst am Vorabend des 10. Juli 2016. Machen Sie sich auf was gefasst.

Prince

Wie das ist, nämlich vor allen Dingen nicht glamourös und sexy, wenn ein fast 50-jähriger, dicker Mann im Fiat 500L durch die verregnete, auch nicht glamouröser und sexyer seiende Heimatstadt fährt und heult. So ist das. Dearly beloved, es ist ganz einfach so zu sein, wie man gerade geraten ist. Es ist nämlich nicht zu ändern. Und fragst Du Dich, wie Du aber sein müsstest, dann kann die Antwort ja auch nicht sein: eine einmeterachtundfünfzig kleine, schlanke Dame mit perfektem Bartwuchs und einem lila Turban auf dem Kopf. Vor allen dann nicht, wenn Du ein grobporiger, großer Mann bist, mit dem die Gravitation ohnehin schon Schindluder treibt. Versuch’s also gar nicht erst.

We’re all excited
But we don’t know why
Maybe it’s ‚cause
We’re all gonna die

Wie eine Jugend so im Rückblick war. Immer weiter wollen, die jeweilige Gegenwart immer so schnell wie möglich hinter sich lassen. Jugend heißt vor allen Dingen hoffen. Warten, hoffen und dann enttäuscht werden. Immer. Weil der Augenblick, in dem wirklich mal alles gut ist, diese Stunde, diese Minute, die kann ich dann nicht spüren, weil ich nicht weiß, dass ich jetzt spüren müsste. Es sagt einem ja auch keiner. Wahrscheinlich war es schon auch klar, dass Du eines Tages mal Geld verdienen musst und, dass Du nicht ewig mit der Bekannten im Schneeregen an der Raststätte in Seesen, auf dem Weg nach Westberlin, gerade eine neue Mitfahrgelegenheit suchend, feststellst, dass weder Du, noch die Bekannte, was ja klar war, Geld dabei haben, aber eigentlich, ja wie lange eigentlich, nach Berlin wolltest. Da weißt Du doch, dass das nicht ewig so weiter geht, aber das ist jetzt nicht wichtig. Sei still!!!

Dr. Everything’ll be alright
Will make everything go wrong
Pills and thrills and daffodils will kill
Hang tough children

Am Donnerstag, dem Donnerstag, dachte ich, wir müssen jetzt mal Prince hören. Dazu muss man aber Spotify verlassen und entweder die Schallplatten suchen, die jetzt im Büro stehen oder das unselige iTunes üsieren um sich zu amüsieren. Das Wort ‚üsieren‘ gibt es nicht. Aber jetzt. Und dann fuhr ich heim und höre Prince im Auto und dann steh ich an der Ampel, als Phil Demontreal in die Ponyhof-Whatsappgruppe schreibt: „Prince ist tot.“

Paint a perfect picture
Bring 2 life a vision in one’s mind
The beautiful ones
Always smash the picture
Always everytime

19:16 Uhr. Sag das nicht. Sag das nicht. Wieder so einer 2016. Wieder einer. Abhaken. Aber haben sie mir nicht gesagt, dass Prince niemals sterben würde. Das fällt Dir jetzt ein?!? Jetzt, wo es zu spät ist? Prince ist tot. Ich trau mich nicht. Da läuft „When Doves Cry“. Es gibt nur Zufälle. Nichts ist miteinander verbunden. Es besteht steter Zweifel. Nichts ist vorherbestimmt. Gott ist groß. Da weiß es schon Spiegel-Online. Ich fahre von der Schiersteiner auf die Autobahn. Da wo man 70 fahren darf, fährt der Fiat 110.

Wendy?
Yes Lisa
Is the water warm enough?
Yes Lisa
Shall we begin?
Yes Lisa

Ich vermisse Rainer, aber der ist schon weg. Wenn ich die Frau anrufe geht die Musik aus. Was soll ich tun? Ich rufe die Frau an. Wir streiten uns. „Prince ist tot.“ „Oh!“ Dann ist es wieder gut. Ich fahre an der Ausfahrt vorbei. Schüttelfrost. Kopfschmerzen. Bis zum nächsten Morgen.

Woke up the next morning
Nikki wasn’t there

Wenn man sich ganz arg konzentriert, passiert trotzdem nichts. Es gibt keine Veränderungen. Nur in Theorien können wir uns ergehen. Praktisch gibt es kein Vor und kein Zurück. Es gibt immer nur Jetzt. Immer nur dieses Dings vor den Augen, flimmernd, kalt, viel zu heiß, die Heizung im Auto, der Staub auf der Windschutzscheibe, die Weinberge, diese noch nicht einmal Minneapolishaftigkeit, diese immer gleichen, nicht fotografierbaren Sonnenuntergänge, die Arschlöcher, all das. Das ich nie mehr Bier trinken werde, weil es schon immer scheiße geschmeckt hat. Wie ich „es“ nie erklären konnte, wie sich „da“ nichts ändern wird, die nächsten absehbaren 100 Milliarden Jahre, wie ich auf keine Hochzeiten mehr gehen werden, weil sie alle scheitern, immer. Wie ich jemals wieder dieses Auto so herrichte, dass es aussieht wie neu. OB ICH BEHINDERT BIN?!?

How can you just leave me standing?
Alone in a world so cold?
Maybe I’m just too demanding
Maybe I’m just like my father too bold
Maybe you’re just like my mother
She’s never satisfied
Why do we scream at each other
This is what it sounds like
When doves cry

Es wäre ja nie ok. Viereinhalb Tage Prince in Dauerschleife. Es ist ja nur seit ein paar Tagen. Nichts Monströses. Nichts Gestörtes. Nur, halt so ist das dann halt jetzt. Es hat sich noch keiner beschwert. Wusste nicht, dass das so sein wird. Am letzten Mittwoch. Wusste ich das nicht.

Don’t cry
Darling don’t cry
Don’t cry
Don’t cry
Don’t don’t cry

Uh!

I’m not a woman
I’m not a man
I am something that you’ll never understand
I’ll never beat u
I’ll never lie
And if you’re evil I’ll forgive u by and by

Ich mag diesen Übergang von „When Doves Cry“ zu „I Would Die 4 U“. Das ist so ein bisschen wie dieses „Yeah!“ von Chris Montez in „Sunny“ bei Minute 1:02. Das sind so Momente. Das hat einem immer gefehlt, als man noch nichts gewusst hat. Wenn ich so da sitze, mit meinen Bildungsbürgerfreunden und aus dem Fenster gucke, wenn sie davon erzählen, wie sie mit 9 Jahren von Puccini verzaubert wurden und wie die Minister Ping, Pang und Pong beim Volk erschienen… da draußen fällt eine nasse Magnolienblüte auf eine noch nicht mal lila Taube, die flattert kurz auf. Sonst ist nichts. Sonst soll auch nichts sein. Es soll doch allen gut gehen. Wenigstens allen, denen es gut gehen kann. Wenigstens denen. Wir haben nichts dazu beigetragen hier zu sein. Wir könnten uns nur zerfleischen. Wir haben keine Berechtigung zu nichts und es trotzdem alles möglich, weil wir denken, fühlen und die Augen schließen können.

I never meant to cause you any sorrow
I never meant to cause you any pain
I only wanted one time to see you laughing
I only wanted to see you laughing in the purple rain

Manche Texte kann man fühlen, auch wenn man sie längst nicht versteht. Wo war er eigentlich all die Jahre, wenn man ihn mal brauchte? Es verregnet schon wieder das Gemüt. All das was ich jetzt heule, wird eines Tages mal Dir gehören. Es ist gut, dass Du schläfst. Es ist gut, dass Du da bist. Es ist gut, dass es nicht ewig dauert, dass Du schläfst. Dass nichts ewig dauert. Es ist gut so wie es ist. Es wird niemals besser. Weil es jetzt schon irgendwie ist.

Honey, I know, I know, I know times are changin‘
It’s time we all reach out for something new, that means you too
You say you want a leader, but you can’t seem to make up your mind
And I think you better close it and let me guide you to the purple rain

 

Empathie, Politik und Aha. Ok.

Jetzt mal wieder was Unpolitisches und so was ähnliches wie meine Meinung. Man kann’s ja oft nicht ändern. Neulich, also eben und gestern, letzte Woche, die letzten Jahre und zwar täglich schrieb ich ins Netz. Irgendwann mal kontrovers, dann hatte ich die Reaktionen satt, die blöden Kommentare (blöd, nicht weil sie nicht meiner Meinung entsprachen (ja gut, deshalb auch), sondern vielmehr, weil mich oft dünkt, dass die Verfasser und Verfasserinnen meinen Post gar nicht gelesen haben, nicht lesen wollten, nicht verstehen wollten, nicht verstanden haben, nicht in der Lage waren zu verstehen oder schlicht und ergreifend ignorant und tendenziell oder grundsätzlich „dagegen“ sind, ganz egal, um was es geht) und der mangelnden Möglichkeit, das was ich sagen wollte, so zu vermitteln, dass es auch der letzte verblödete, untote Ostgote versteht. Zudem erzähle ich ja meinen ganzen Schmonz fast ausschließlich Leuten, die ohnehin irgendwie stilistisch und politisch bei mir sind. Mal von persönlichen, albernen Aversionen abgesehen, sind ja die meisten Leute, die ich als Leser meines Blogs, das tatsächlich dies Jahr am 26. August 14 Jahre alt wird, als Twitter-Follower oder als Facebook-Freunde gewonnen (HAHAHAHAHA GEWONNEN) habe nun ja doch nicht vollkommen verblödet (naja, außer zwei… vielleicht drei, vier… sagen wir fünf) sind. Also glaube ich für mich, dass ich meine Hebel woanders ansetzen muss. Wenn es wirklich ernst wird, ist physisches Handeln wahrscheinlich effektiver, als irgendwas ins Netz zu schreiben. Jedenfalls gilt das für mich, mit meiner Reichweite und dem Grad meiner Seriösität. Ganz sicher hat das Wort an sich eine Macht und kann etwas bewegen. Nur habe ich mich im Netz auch eher als launigen Clown positioniert und die Ironie ganz oft sicher überstrapaziert. Die Ironie, die ich ganz oft gar nicht verstehe und die auch ganz oft gar nicht so ankommt, wie sie geplant war. Irgendwann war ich es leid und fand, dass es einfach für mich keinen Sinn mehr macht, meine Gedanken irgendwo reinzuschreiben damit sie, ob des bloßen Loslassens etwa, als Perlen vor die Säue generiert, nicht verstanden oder einfach gar nicht gelesen werden. Da sind (da kannst du sagen was du willst) Blogzugriffszahlen oder die Anzahl derer die etwas auf Twitter oder Facebook lesen doch irgendwie wichtig. Man kann schon unbedarft und treuherzig vor sich hin brabbeln, aber es ist halt dann auch für die Katz (HAHAHAHAAHAHA KATZ). Oft denke ich daher, ich müsste diesen ganzen SocialNetworkShit einfach sein lassen, alle Apps löschen und mich dem Generationenroman oder meinen Leinwänden widmen, die unten im Keller stehen und vor sich hin gammeln. Oder ich sollte die whatsapp-Gruppe „REHE“ ernster nehmen und die Rehe hier auf dem Gelände der Gräfin melden, damit sie vom Gärtner erschossen werden. Nein, vergiss es, es gibt keine whatsapp-Gruppe „REHE“. Du musst nicht alles glauben. Also. So lulle ich mich selbst damit ein, mich als dauerrülpsenden Rüpel zu inszenieren oder irgendwie langweilig zu brot-kleinsein, obgleich in meinem Ohr der Tinnitus kreischt und auch sonst mein Kopf mal dringend von innen mit dem Sandstrahler ausgespült werden müsste. Als ich neulich mal eine Serie von Bildern mit mehr oder weniger aus allen Zusammenhängen gerissenen Motiven mit Broten auf ello.co postete wurde mir prompt Schuld für dessen Niedergang aufgrund von unpolitischen Brotbildern angedingst (#nonmention). Nun will ich aber gar nicht politischer schreiben, als ich es tue. Wohl auch, weil ich es leid bin, weil ich dessen müde bin. Es wird viele überraschen, aber ich habe mich politisch geäußert, agitiert und mich aufgerieben, lange bevor ich mich in politischen Internetforen beschimpfen habe lassen (müssen). Ich habe Dinge mit meiner 100 Milliarden Jahre alten Adler-Reiseschreibmaschine, bei der die Tasten mit dem A und dem E klemmten, aufgeschrieben und sie mit der Post verschickt oder sie an Bäume geheftet, ich habe geschrien, gerumpelt und gepumpelt und am Ende konnte ich dann doch keine wesentlicheren Veränderungen ausmachen und da habe ich mich dann auf die kleine Zelle konzentriert und versuche nun intern zu wirken. Mit meinen Nachbarn, Freunden, Girlfriends und Ehefrau(en), Kollegen und auch Kolleginnen, Vermietern, Hofladen-Besitzerinnen, Metzgersgattinnen, Taxifahrern und von mir aus auch mit dem Typ da drüben, mit denen versuche ich in Dialog zu treten, denen gehe ich auf die Nerven, die gebe ich längst nicht auf. Aber diese zähe, schleimige Masse im Netz kann ich jetzt persönlich einfach nicht erreichen. Kaum nur. Eigentlich gar nicht. Machen wir uns nichts vor. Schon jetzt in diesem Moment frage ich mich, für wen ich das hier überhaupt aufschreibe. Wahrscheinlich für Kiki oder Andreas Stöckmann. Hallo Kiki, hallo Andreas Stöckmann. Mehr Leser werde ich eh nicht… ach nee… kokett… Aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich möchte also keine politischen Brote posten.

ellobrote

Aus diesem Grunde und aber auch aus folgendem Grund, den ich hier nun aufführen möchte und zwar nach dem Doppelpunkt: Und zwar bin ich im Dezember 2010 auf eine profane Glasscherbe gelatscht und weil ich dachte, „Das ist ja wohl eine allerprofanste Glasscherbe!“ habe ich der Glasscherbe, es war wirklich eine winzige Glassscherbe, keine Bedeutung beigemessen, bis ich ca. 4 Wochen später ein lila Bein an meinem Leibe baumeln fand und den Notarzt rief. Die gute Nachricht: 10 Wochen später humpelt ich mit zwei Beinen aus dem Krankenhaus. Die semiokaye Geschichte: In diesen Wochen schob man mich sieben Mal in den grün gekachelten Operationsraum wovon man mir einmal sogar das Bein absägen wollte, jedenfalls sagte man mir das und schob mich in den grün gekachelten Operationsraum, ich verabschiedete mich von dem Bein und schlief ein. Wiedererwacht fand ich das Bein an Ort und stelle und deutlich mit dem Resthuck (ich) zwar verbunden aber verbunden. Das Gefühlsaufkommen von dem Moment, an dem ich mich von meinem Bein verabschieden musste, bis zu dem Moment an dem „man“ sich entschied das Bein auch „erstmal“ dran zulassen, ist mehr oder weniger ambivalent. Sechs Wochen jeden Tag zwei kommunikationsgestörte Ärzte in sein Krankenzimmerchen schlurfen und lustlos am Bein herumfummeln sehen, die dann auch nur widerwillig die Frage beantworteten, ob das Bein dran bleibt oder dann doch „ab“ kommt, macht gelinde gesagt etwas mürbe. Ich will nicht jammern, ABER…

Schließlich blieb es dran. Aber weil auch alles nicht immer so einfach ist, wie es zunächst wirkt, sind diverse Komplikationen aufgetreten in deren Folge ich nun an Krücken (es sind immerhin Carbonkrücken) nur umständlich herumlaufen kann. Tanzen geht auch ganz, ganz schlecht. Zudem sind da einige Nerven derart lädiert, dass sich das Bein meistens so anfühlt, als stünde es in kochendem Wasser. Auch nicht so ideal. Ich halte das aus. Es ist ein bisschen lästig und man muss eben damit klarkommen, dass Menschen einen mitleidig anschauen. Mitleid ist ja im Grunde ganz lieb gemeint und darum auch klaglos anzunehmen (HAHAHAHAHAHAHAAHAA KLAGLOS). Das und diverse andere Abenteuer in meinem Leben haben die Perspektive verschoben. Ich sehe „es“ anders, als viele andere. Mir ist schneller wuppig, aber ich bin auch von einem blauen Himmel derart zu begeistern, dass ich dann fast heulen könnte vor Freude und Glücksempfindung. Boderline? Dazu kommt ein Umstand der mich schon seit Kindesbeinen an begleitet (DOPPELPUNKT) Mein Kopf schreit mich an. Das führt einerseits zu kreativen Prozessen, lustigem Gehampel, vielen, vielen Ideen, Visionen, Zuständen, Träumen, Aufgeregtheiten, endlosen Monologen, Selbstgesprächen, schreiend davonlaufen, es mit Kiffen und/oder Alkohol versuchen, innerer und äußerer Einsamkeit, Nervendefekten, Tinnitussys und aber manchmal ist es auch scheiße. Ich suche daher Ruhe. Ruhe, Langeweile, den Zustand des Dösens… das wären drei Wünsche an die Zukunft. Und weil das so ist, weil weder Ruhe, Langeweile und/oder der Zustand des Dauerdösens hier fröhliche Urständ feiern, kann ich manchmal nicht noch zusätzlich einen Kriegsschauplatz aufmachen. Ich kann oft schlicht und ergreifend die Relevanz-Messlatte nicht mehr überspringen. In mir schreien sich so viele Geschichten an, dass ich in mir kaum noch andere Geschichten aufnehmen kann. Mir ist zu viel Geschichte in mir. Ich kann oft keine Filme ertragen, schon gar keine Serien, nur wenige Bücher, Timelines nur partiell. Alles rattert. Nur Dokus über Teichfolien und Putzerfische gehen. Ich bin ein sogenannter Kreativer. LOL.

Das alles macht mich nicht unglücklich und ich empfinde mein Leben auch eher okay und schon auch wahnsinnig (HAHAHAHAHAHA WAHNSINNIG) spannend und ich hab mit allerlei seltsamen (ich meine das schöne seltsam) Menschen zu tun. Auch die Frau, die hier mit mir wohnt und die ich besitzergreifend und wenn mich der Hafer sticht, manchmal als MEINE Frau bezeichne, die machen das Leben schön. Ich wohne zudem da wo andere noch nicht mal Urlaub machen. Irgendwie habe ich es ein bisschen zu was gebracht (iPad im Klo, Auto mit Rückwärtsgang) und auch in meinem seltsamen Beruf (eigene Tastatur, Kreditkarte, Visitenkarte mit silbernem Pony drauf). Das hat sich aufgebaut und entwickelt und ich kenne auch die Zeiten ohne Krankenversicherung und eher zukunftsperspektivisch im Goldenen Handschuh am sein, aber ich halte diese Unkenzeiten für extrem wichtig um das wesentliche, wirkliche Glück überhaupt als solches zu erkennen. Drum hat mich auch die Geschichte von Claudius Holler nicht ganz kühl gelassen. Aber ich kann will einfach keine bemüht politisch und/oder megametasozial anmutende Dinge ins Netz schreiben, weil ich sie mir vorher umständlich überlegen und an ihnen arbeiten müsste und mit deren Wirkung, deren Umständen, an dem was sie mit mir machen und eventuell mit anderen, müsste ich leben, kann ich aber nicht. Das Bild: Ein brennender drei Meter großes Clown läuft schreiend in eine Menschenmasse und mahnt dann zu Ruhe und Besonnenheit. So wäre das dann. Ich kann das nicht. Ich bin nicht die Ruhe selbst. Ich bin die Ambivalenz, der Schrei, die Sirene, der Hund, der unablässig auf der Gummiente herum kaut, das komplizierte Arschloch, der misanthrope Klassenclown. Mir ist grad nicht danach. Es kommt bestimmt wieder. Eines Tages mach ich das. Eines Tages. Doch nicht jetzt. Ich denke auch lieber nicht darüber nach, warum ich das hier überhaupt aufschreibe. Vielleicht veröffentliche ich das auch gar nicht.

Ach Mist, zu spät.

Kann man nichts machen.

Schlenzi

Das Unerfreuliche zuerst.

Social Media. Man hätte es ahnen können, dass das nicht lange gut geht. Diese Diskrepanzen zwischen Sein und Schein, zwischen Augenschein und Avatar, das haut nicht hin. Die Inszenierungen und Lügengebäude diverser Charaktere in diesem Netz, insbesondere auf Twitter, halten dem Abgleich mit der Kohlenstoffrealität oft nicht stand. Bisweilen lädt man Leute in sein Leben ein, auf seine Geburtstagsfeste, auf Magazin-Releasepartys, in sein Zuhause, die hätte man niemals einladen dürfen. Das zerrt an den Nerven, denn digitale Menschen sind, anders als Menschen aus der Kohlenstoffsozialität, immer irgendwie gegenwertig. Man kann sie kaum richtig blocken und vergessen, sie kommen immer wieder, immer wieder. So ist das Internet.

Aber

es gibt auch andere Erfahrungen. Es gibt nämlich doch Menschen in dieser Internetwelt, derentwegen man den Begriff Freundschaft neu, anders definieren muss. Nichts ist wie früher™. Damals nämlich waren Freunde Leute, zu denen die Freundschaft gewachsen ist in langen Jahren der Vertrauensschaffung, der Prüfung, der Umzugsaktivitäten, durch Nähe, Besuche, Betrinken, Knutschen. Und dann hätte man vorsichtig jemanden Freund genannt. Und am Anfang von Social Media war es ganz und gar empörend, wenn man Leute, die einem näher kamen, „Freunde“ genannt hätte. Was ist mit dem Begriff doch alles verknüpft, was für eine Tiefe, was für ein Gedöns (lange Jahre der Vertrauensschaffung, Prüfung, Umzugsaktivitäten, Nähe, Besuche, Betrinken, Knutschen). Doch dann erfand Facebook die Freundschaft neu und plötzlich hatte man sehr viele Freunde. Oft kannte man diese noch nicht mal, aber sie griffen ins Leben ein, kommentierten Geschehnisse und gingen einem mit „Meinungen“ auf den Sack, kamen, nahmen, gaben und verließen einen wieder. Alles digital. So weit so gut. Aber dann traf man sich. Große Feuer brannten auf der Prärie der Erwartungen. Wen traf man da und kann man mit dem eine Familie gründen? Wann wurde mir zum Beispiel sehr klar, dass ich ja gar nicht das süße, kleine Lamm war, das man anfangs als Avatarbildchen auf meinem Twitteraccount fand? Nein, denn ich bin ein mürrisches Nilpferd. Allenfalls. Wir alle sind mürrische Nilpferde.

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Den einen nämlich

Tobias Schlenzalot Schramm. Tobias war so erschreckend dem @schlenzalot ähnlich, den ich auf Twitter in den Nächten der Jahre 2008/2009 entdeckte. Ein Charmeur, ein Klicke di klack, ein kritischer Geist, aber auch eben ein Schlenzalot. Einer, der seinen Namen so ungewöhnlich gut ausfüllt. Nie arg, nie beleidigend, scheinbar nie mutlos und immer einen kessen Spruch auf der Lippe. Man dachte neidlos, der kriegt sie alle. Er sah sogar so aus. Und er sah ziemlich aus. Nicht viele Menschen sehen aus, als wären sie auf diese wunderbare Weise speziell. Als wären sie Teil einer HBO-Serie, Teil einer Idee von Thomas Pynchon, Teil Deiner ganz eigenen Story, die nie passiert, weil Du Dich nichts traust, außer große Töne auf Twitter zu spucken. Tobias war wie einer, den ich ganz lange kenne, obwohl ich ihn gar nicht sooooooooooo lange kannte und auch sicher nicht so kannte, wie es sich gehört hätte. Aber er war immer wieder da. Im Leoparden-Jackett und der neongrünen Jogginghose. Immer mit einem Tässchen Mokka und abgespreiztem kleinen Finger auf einem Sessel aus der Gründerzeit sitzend, den man gar nicht besitzt, den nur seine Erscheinung projeziert. Immer einen Steptanz aufführend. In Echt mit einem Lächeln bewaffnet. Abwartend, höflich lauernd um den „Einen“ dann rauszuhauen, siezend bis ins Mark. Einer, der in den Schwarzwaldstuben einen Zapfhahn mit seinem Namen besaß. So einer. Einer wie aus Seinfeld, aber auch sehr Rainer Werner Fassbinder-esk.

Und dann diese absurd anmutende Nachricht, die gar nicht absurd ist, weil sie so unbedingt zum Leben gehört. Die Nachricht vom Ableben. Vom plötzlichen Ableben. So früh, zu früh. Obwohl er doch „alt genug“ sei, wie er behauptete. Aber wer ist schon alt genug? Seinen aktuellen Avatar habe ich ihm mal anlässlich der re:publica im Jahre 2013 gebastelt. Wir hatten da eine etwas missglückte Show, was garantiert nicht an ihm lag. Er kam ja auch nicht zu Wort.

Gar nicht so lange her – da hatte er das Bild plötzlich als Twitteravatar. Als hätte er es geahnt. Er mit einem Heiligenschein. Und verrückterweise wünschen und wähnen ihn jetzt die eifrigen Twitter-Atheisten alle in den Himmel, was zum einen an seinen enormen und zu Recht explodierenden Sympathiewerten liegt und zum anderen daran, dass die meisten Menschen nicht nachdenken. Schon gar nicht im Moment der Trauer. Und weisste was, das ist ja auch ok so. Dass ich mich nicht immer ärgern und aufregen soll, hat er mir öfter geraten. Ich hab das natürlich nicht angenommen. Sich nicht aufzuregen, hilft ja auch nicht immer weiter. Zum Glück muss man nicht oft Zeitzeuge des Ablebens eines (Twitter-)Kumpanen sein, aber beim Schlenzi sieht man, dass es den Leuten nahe geht, ungewöhnlich nahe, was vielleicht ein Trost sein könnte, für die Leute, die ihn jetzt vermissen und vielleicht, falls das doch irgendwie möglich ist, sitzt er dann da weißlich schimmernd in seinem Leoparden-Jackett, lächelnd, wie er nur er das kann und irgendwann haut er Einen raus. Ganz elegant, schmunzelnd und so, dass man ihn am liebsten drücken möchte.

Aber man kann einen Schlenzalot nicht einfach drücken. Und jetzt erstmal schon gar nicht mehr. Allerdings, wenn das eines Tages möglich wäre, und es ist in seiner ganzen Lazarushaftigkeit eine geradezu berückende Vorstellung, falls Du jemals wieder vor unserer Tür stündest, Du wärst jederzeit und immer willkommen.

*tropfend ab*