Alkmaar

„Die Frau“ zu sagen, finde ich irgendwie seltsam. So Sibylle Bergesk. Also so, wie jemand, der so sein will. Also Sibylle Berg zu sein, ist sicher nicht das Schlechteste, aber Leute, die sein wollen wie andere, die sie nie sein werden, auch nicht so vom Geschmack her und sogar noch nicht mal die die Frisur wird je so sein, die sind ja immer so ein bisschen… hh hh h. Aber „meine Frau“ zu sagen, klingt so besitzergreifend. Sie gehört ja leider nicht mir. Also, sie gehört (hoffentlich für sie) auch keinem anderen, sie gehört (hofffentlich für sie) nur sich selbst. Also sag ich halt „die Frau“, aber ich möche nicht wie jemand anderes sein, auch wenn das jetzt seltsam klingen mag für Leute, die mich kennen. Die Frau hat heute gesagt: „Komm, wir fahren mal nach Alkmaar“. Ich habe vergessen, wieso. Ich könnte sie fragen, sie sitzt ja da drüben zwischen mir und dem Meer, aber dann ist es ja auch langweilig. Also sind wir nach Alkmaar gefahren. Wenn die Frau es sagt, dann fahre ich (und die Frau auch) nach Alkmaar. Immerhin gibt es einen Rudi Carrellplaats und mit dem AZ Alkmaar einen Erstligaclub und – Sie werden ausrasten – Alkmaar ist Partnerstadt von Darmstadt!!! Interessanterweise habe ich heute die ganze Zeit die Frau mit der Frage gelöchtert, ob wohl irgendjemand in Holland Rudi Carrell kennt. Den ganzen Tag. Das war ein bisschen wie bei Lady Di. Und dann… ja, es ist richtig, Rudi Carrell kommt aus Alkmaar. Wer hätte das gedacht? Eventuell hätten Sie es von der Tatsache der Existenz eines Rudi Carrellplaats ableiten können. Aber Sie denken ja nicht mit.

Alkmaar hat auch ein Gewerbegebiet und Straßen, in denen rechter- und linkerhand würfelförmige Häuser aus Glas stehen, auf den die Logos von Kleidungs- und Lebensmittelunternehmen stehen, welche eventuell, so behauptet es der Verdacht, Menschen, mit (für uns ausgestopfte Puffottern) unvorstellbaren Minimallöhnen ausgestattet, für Ihre niederen Zwecke missbrauchen. Und mit „Menschen“ meine ich jetzt nicht Berliner Medienschaffende, das sind ja strenggenommen keine richtigen Menschen, sondern richtige Menschen. Aber so ist das ja bei uns im Kapitalismus. Es gibt also Kriege, Ungerechtigkeiten, Kochsendungen, Mokkalikör, Kohlrabi und es gibt Gewerbegebiete.

Aber Alkmaar hat Sträßlein, Grächtlein und Örtlein mit putzigen geringelten Aufbauten zur Verkehrsleitung, kleine niedliche Menschen, die kleine und große niedliche Bäumchen gepflanzt haben und sie haben Bötchen im Wassser, welches durch ihre Grachten fließt, stehen. Diese Orte sind so von Wunderbarsupidupihaftigkeit durchdrungen, dass mir ganz schwummi wird. Man kann das nicht fotografieren. Ich habs versucht. Man kann es nur anschauen und in sein Herz einschließen oder man sollte versuchen, so man in irgendeinerweise auch nur einen Hauch von Stil und Großherzigtum in sich wohnen hat, dort hinzuziehen und diese Wunderbarsupidupihaftigkeit gemeinsam mit den Ureinwohnern zu bewahren, zu bewohnen und ggfl. zu bewässern. Ich habe schon viel gesehen in meinem Leben, naja, jetzt auch nicht soooo viel, aber in Europa schon ziemlich viel, fast alles, nein, nicht alles, aber schon eine ganze Menge, mehr als Du zum Beispiel. Aber diese Altstadt in Alkmaar, dieser Anblick heute, dieser Frieden, diese Ruhe… wenn das also ein dort wohnendes Volk vermag zu erschaffen, dass es so ist, dann muss dieses Volk unbedingt auch mal Fußballweltmeister werden. Ich fände also, dass Holland durchaus in Katar Weltmeister werden sollte. Die Verbindung von Louis van Gaal zu dieser Stadt (also Alkmaar) erwikipedien Sie sich einfach mal selbst. Ich saß also in Alkmaar auf dieser Bank. Da auf der anderen Seite, schräg gegenüber, sprangen Kinder in die Gracht. Sie taten das erfüllt mit Freude und ohne sich gegenseitig zu schubsen, zu treten oder alberne Parolen auf Häuserwände zu sprühen. Es war wie in Bullerbü. Und keine Erwachsenen machten Ihnen einen Strich durch die Rechnung. Keine miese Nachricht aus der Welt des Zähneknirschens, der Zänkereien und des Verderbens trübte ihre Sinne. Es war Kindheit. So wie sich Leute in ihren Wahnvorstellungen ihre eigenen Sommerferien früher vorstellen. Nur halt in echt. Vielleicht ist dieser Ort das Paradies. Backsteinhäuschen mit putzigen Vorgärtchen und wilden Hintergärtchen, mit Grundstückchen am Wasser, mit Stegen mit Booten, die schwappend und schmatzend hin und her wippten. Die Luft, die Farbe der Luft wie Vanilleeis mit heißen Himbeeren, trug nur Laute von Tüdelü und Hach mit sich. Mir schwanden die Sinne. Wenn es die Holländer bitte möglich machen, dass das bis in alle Ewigkeit dort stattfindet, wie in irgendeiner nicht geschriebenen Geschichte von Astrid Lindgren oder Erich Kästner. Dass der selten gewordene Frieden da bitte erhalten bleibt und alle Birken, Japankiefern, Weiden und Pappeln genauso da stehen blieben, bis ich und die Frau uns eines der dort zum Kauf angebotenen Häuschen leisten können und dort dann ein Teil der Puzighaftigkeit werden (und hoffentlich nicht kaputt machen). Ach wär das schön. Wir richten auch Gästezimmerchen ein und Sie dürfen uns alle dort besuchen. Aber einer nach dem anderen.

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Ein Gedanke zu „Alkmaar“

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