Das Internet

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Jetzt war ich die letzten Tage bei meinem alten Mentor P.E., einem 65-jährigen Designer, ich sollte und wollte ihm das Internet erklären. Also fuhr ich zu ihm um dort an einem uralten Mac mit uraltem Betriebsystem auf Safari und mit einer Maus ohne Scrollrad (So haben wir es bei Apple ja gelernt) (Es hat mich wahnsinnig gemacht mit dem Zeigefinger auf der Stelle der Maus herumzureiben, an der sich bei meiner Maus die Scrollsensorik befindet) und auf einem Stuhl für Zwerge, in die Geheimnisse des Internets einzuweihen. Denn um nichts geringeres geht es. Und wie soll ich da anfangen? Ich habe mich entschlossen ihm Facebook zu erklären, habe ihn über die Gefahren von Datenschlonz und Uneigentum aufgeklärt und seinen Account eröffnet. Er stocherte dann unbeholfen mit dem Cursor auf seiner FB-Seite herum und mir kam der Gedanke, dass man das alles schon ganz lange machen muss, um dieses Gefühl für das alles zu bekommen und das dass alles für mich so eine Selbstverständlichkeit ist, dass ich nur noch auf Metaebenen und anhand von hölzernen Beispielen irgendwie verständlich machen kann, was wir da eigentlich machen, im Internet. Also erstmal Freunde auf Facebook finde. Vorher diskutieren, was der Begriff Freunde überhaupt ist. “Jaaa!” sage ich, “das ist jetzt doch auch irrelevant, das nennen die bei Facebook halt so.” Und sich dann fragen lassen, warum wir das so hinnehmen, dass wir uns diesen außerordentlich, tiefselig vermummelten Begriff von einem Nerd aus Amerika so verplundert und inhaltslos gemacht haben lassen. Ich hatte keine Antwort. Also “Freunde” finden. Seine (richtigen) Freunde sind nicht so bei Facebook, aber ein paar meiner Freunde, die ihn auch kennen, mit denen befreundete ich ihn. Zwangsbefreundung. “Damit Du auch mal ein paar Freunde hast.” So und jetzt Inhalte abliefern. P.E. ist Sammler von Dingen. Er hat eine ganz Lagerhalle voll mit Alltagskultur, Design aus allen Jahrzehnten, Zeitungen, Bücher (Ja Kinder, bedruckter toter Baum), Lampen, Dinge, Zeug  en masse, es sind Unmengen. Unmengen. Und wenn P.E. des abends auf der Couch sitzt, dann sucht er sich zur Erbauung eine Zeitschrift aus den 60er Jahren aus und geht darin auf. Gutes Editorial Design und kluge Inhalte, gute Reportagen, ausgemachter, gut bebildeter Schmonz, journalistische Bonbons, Interviews mit John Lennon und Miles Davis und Werner Bunz…

Doch zurück zu Facebook.

Ich frage mich, wie ich ihm das am Besten begreiflich mache. Dann fragt er: “Was ist eigentich mit Twitter?” Noch nicht einmal, “Was ist eigentlich mit diesem Twitter”. Es ist also ernst. Ich erkläre Twitter. Meine Hände werden heiß, die Augen feucht. Die Armlehnen drücken in die Flanken und ich habe viele Flanken. Da wird mir klar, dass wir, die wir schon seit einigen Jahren in diesem sozialen Netz herumzappeln, schon längst in einer abseitigen kaum erklärbaren Welt, kaum erklärbare Statements, zu kaum erklärbaren Phänomenen absondern. Was sagt man da denn jetzt? Wo fängt man an? An wem orientiert man sich? Legt man sich einen pseudoverdrieslichen Ulknudelaccount zu und beschimpft die Folgschaft mit dem Plan mal ganz groß rauszukommen oder twittert man nichtssagendes, selbstreferenzielles Dampfgeplaudere z.B. über ein Klavier, das in zu trockener Raumluft Gefahr läuft zu bersten? Oder hier, das Phänomen auf Twitter zu sein, jeden Tag stundenlang dort abzuhängen und aber die Follower mit Verachtung strafen, weil sie eben dies auch tun? Soll ich ihm dazu raten? Ist es das? Müsste man nicht gezielt stundenlang ausgefeilte, unbedingt originelle Dinge schreiben, die dann auf Favstar Anklang finden? Wem soll man folgen? Altherrenbloggern? Feministinnen? Sascha Lobo? Oder einem Typen, der sich Regendelfin nennt (frag nicht)? Leutem, die in Beziehungsstresssimulationstweets machen? Welchen, die sich mit sich selbst unterhalten (“Ach was, das gibts auch?” “Ich schwör Dir…”) ? Frustrierten Singles mit Hang zum Funalkoholismus? Linkschleudern? Leuten, die “Followerpower” schreiben? Man könnte @Kosmar folgen, der hat Ahnung. Aber was kann ein Internetneuling damit anfangen? Wie kann P.E. dort seinen Teil finden, der gar nicht die Absicht hat, den Rest seines Lebens in ironischem Dauerduktus und mit sarkastischen Randbemerkungen eine Welt zu verunglimpfen, die ihm doch eigentlich so lieb und teuer ist. Druckerzeugnisse, Verbindlichkeit, Weihnachten, Menschen, Haptik, alles Dinge die schon in Millionen Tweets durch den Kakao gezogen wurden, was soll ich jemandem raten, wo kann man da ansetzen?

Facebook und Twitter sind nicht das Internet. Aber hier wäre mal ein Ansatz, so dachte ich, aber da ist kein Ansatz. Facebook tut zwar nicht weh, ein paar Bekanntschaften zu knüpfen, alte aufleben zu lassen, Interessengebiete zu erweitern, mal schauen was andere Gleichgesinnte so erzählen. Das kann man nebenher mal überprüfen. Das machen wir ja so nebenbei mit unseren Devices. Aber P.E. geht dazu in einem Raum in dem sein Power Mac G5 (FW800) 1,0 dual 1,42 GHz mit 250MB RAM steht, er schaltet den Computer ein, dann das Internet, dann öffnet er den Browser, dann loggt er sich dort ein, es folgen Prozesse, die mir vollkommen aus dem Gedächtnis entrückt sind und die an das Quietschen und Pfeifen alter Modems erinnern. Dann ist er drin. Da hätten wir ADHS-geschädigten Mongos längst die Flucht ergriffen. Es erfordert einerseits Geduld, die wir ja alle so gerne hätten, aber zum anderen empfinde ich es als auch nicht sachgemäß einen mittelgroßen Aufwand zu betreiben um die, meiner Meinung nach, relevaten Kommunikationskanäle (die für jeden andere sein mögen) in Verwendung zu. Um das Internet schmerzfrei und sinnvoll zu verwenden muss der Zugang und die Nutzung einer gewissen Sebstverständlichkeit und Unbekümmertheit unterliegen. Dazu kommt die unbedingt notwendige Filter-Souverinität und ein, zwei, drei Gedanken zu Privacy und Allgemeinen Nutzungsbedingungen und das Gefühl wo man klicken muss, wo man suchen muss, wie man suchen muss, welche Worte und Gedanken relevante Suchbegriffe ergeben, wem ich vertrauen kann, wer ein Arschloch ist, wo die doofen sitzen und wer Bernd auf Krautchan ist. WIE UM ALLES IN DER WELT SOLL ICH DAS ERKLÄREN? Wie soll ich das Wesen von Blogs erklären? Johnny Häusler hatte da heute einen guten Gedanken, ich sehe das im Grunde ähnlich bis genau so. Also erkläre ich P.E. Blogs. Er soll auch ein Blog aufmachen. Es ist ganz einfach. Thema: 50er-, 60er-, 70er-Jahre-Design, Typografie, Editorial Design, Bücher, Blechspielzeug, Eames Chairs, Verner Panton, etc. Schreib einfach los. Gut, es liest erstmal keiner und bitte keine Bilder aus dem Internet verwenden. Was Creative Commons und was “Marions Kochbuch” ist, erkläre ich Dir nächste Woche. Du musst andere Blogs verlinken. Dabei darfst Du die Blogbetreiber aber auf gar keinen Fall ansprechen und Begriffe wie “Linktausch” verwenden, denn das führt zu kübelweise Häme und Spott und Du bist unten durch. Bei, Thema “Bücher” wäre ich vorsichtig, denn die gelten als altmodisch und werden von denen die es besser wissen als “tote Bäume” deklariert. Braucht man also in diesem Internet nicht mit zu kommen, außer… jaaahaa… außer man schreibt ein Buch und das habe ich vergessen zu sagen, Du musst zwar über die Altmode Buch lästern, aber Du musst auf jeden Fall auch eins schreiben, egal was für ein unmotivierter, abstruser Shit dann da drin steht. Aber dazu später. Wenn Du also mehre Stunden damit verbracht hast einen einigermaßen vernünftigen Blogeintrag zu verfassen, dann musst Du natürlich damit rechnen, dass den keiner liest und selbstverständlich auch niemand kommentiert. Den Beitrag bei Twitter posten bringt nichts, Du hast ja keine Follower, denn Du bist ja nicht witzig. Die Leute auf Facebook lesen keine Blogs, das dauert denen zu lang. Du könntest bei anderen Blogs kommentieren und wenn Du das jahrelang machst und irgendwie der Eindruck entsteht, dass Du irgendwie auch cool bist, dann vielleicht, aber eigentlich auch nicht, denn Du bist ja nicht schon seit August 2002 dabei. Das ist Bloggen, lieber alter Freund. So sieht das aus. Aber ich kann Dir das Internet dringend empfehlen.

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Dann fiel mir ein, man könnte jemanden, der was über das Internet lernen will, ja mal zur re:publica einladen. Ist die re:publica nicht dazu da, irgendwie das Internet zu erklären? Hahaha. Ich hab natürlich Spaß gemacht. Die Grenzen zwischen den jeweils sogenannten On- und Offlinern sind nicht offener geworden. Wenn gerade mal eine Internetplattform vom Mainstream erobert und ein bisschen verstanden wird, wird diese zur Platforma non grata erklärt und intern wartet man auf die nächste Sau, die durchs Dorf getrieben werden kann, die anderen machen Pinterest und Instagram. Die Flora Arroganzia wächst und gedeiht und die Vorurteile auf beiden Seiten sind die gleichen, wie vor drei Monaten oder zwei Jahren.

Man wird es mit Erklärungen und Meinungen nicht deutlich machen können. Es geht nur, wenn man sich einfach jahrelang darauf einlässt und Teil des Internets wird und sich dabei vielleicht auch ein bisschen aufgibt. Es ist nur noch im Ganzen zu begreifen und mir fällt es immer schwerer zu erklären, was wir da eigentlich machen. Ob das jedem Internetfuzzie so klar ist? Wie schwer es ist einfach da einzusteigen. Die Benutzung eines Trackpads verlangt schon einiges Geschick ab. Oder den  Cursor ziel- und fachgerecht auf einen Link zu setzen und nur einmal zu klicken, das muss man erstmal können. Wir machen uns da ja auch überhaupt keine Vorstellungen mehr, aber unsere lieb gewonnenen Selbstverständlichkeiten sind anderorts monströs.

Nachtrag: Link zum Beitrag von Sascha Lobos auf der re:publica 2012. Für die 2,5 Menschen die ihn noch nicht gesehen haben.