Die merkwürdige Merkung

Manchmal denke ich darüber nach, was wohl gewesen wäre, wenn es am 11. September 2011 Twitter oder das soziale (hihihi) Internet schon gegeben hätte. Das hätte dem Ereignis noch gefehlt. Oder beim Kennedy-Attentat oder während der „Mondlandung„. Der (seltsame) Mann, mit dem ich diese Firma habe, hat heute (oder war es gestern?) (sinngemäß) gesagt, dass es doch schon früher ein bisschen „anders“ gewesen wäre, als man noch keine schwarzgefärbten Account-Avatare oder französisch-sprachige Zugehörigkeitsfloskeln in Verwendung nahm, wenn mal was passiert ist. Ja, das war anders. Aber es war ja nur deshalb anders, weil man Informationen vermeindlich sortiert und um 20 Uhr zum Abendessen oder morgens beim Kacken serviert bekam. Ich habe dann lieber nichts dazu gesagt, was nach der Iranischen Präsidentschaftswahl am 12. Juni 2009 mit den Avataren passiert ist oder vor und während der re:publica. Das darf er um Himmelswillen niemals erfahren, sonst sind wie hier geliefert.

Es wäre seltsam und verhaltensauffällig, würde ich mich nach all den Jahren im Social Media immer noch als verblüfft generieren würde, ob der vielen Meinungen, Haltungen und menschlichen Eigenschaften, die jeden Tag auf mich einprasseln. Niemand zwingt mich in ein Device zu starren, statt in ein knackelndes Kartoffelfeuer. Niemand zwingt mich statt komplett sozial zu vereinsamen, Dauerstudenten, Bauern, VeganistenInnen und Wichtigtuer als meine Freunde bezeichnen zu können. Ich mache das gerne und freiwillig und mir ist bereits vor Jahren aufgefallen, dass auch ich eine eigenartige von Ismen geprägte Haltung habe und auch sonst schwierig bin. Wenn ich aufgrund irgendeines fürchterlichen Anschlages in einem von Anschlägen geprägten Landstriches wenig Reaktion zeige, könnte das auch ein Indiz sein, dass ich nicht alles, alles, alles, alles an mich heranlassen will, kann und möchte. Man hat noch kein einziges Leben gerettet oder ein Problem beseitigt, geschweige denn für 15 Sekunden Weltfrieden geschaffen, wenn man irgendwas einfach nur aufschreibt oder sagt, nicht schreibt oder sagt und erst recht nicht, wenn man etwas nicht sagt und dann dauernd sagt, dass man es nicht gesagt hat.

Aber: egal

Für alle meine Ereiferungs- und Nonmentionfreunde aus dem Internet, habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht. Ich habe neulich in einer Nacht- und Nebelaktion meinen alten Twitter-Account gelöscht. Ich war es leid. Der Account war durchdrungen von Übelkeit und nassem Hund. Nach wie vor mag ich diesen Kanal, diesen Gedanken einen losen Gedanken einfach rauszuhauen und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Und auch finde und fand ich es knorke die Menschen hinter dem Account kennenzulernen. Dabei war ganz, ganz viel Gruseligkeit dabei. Sehr enttäuschende Erkenntnisse. Aber auch sehr schöne. Einfach Menschen kennengelernt. Aber dann reitest Du mit deinem ollen Pferd über die Prärie und das Pferd sagt: „Hier, klar, wir können noch wochenlang durch die Gegend spazieren, aber ich werde gleich auch mal müde und ich glaube gleich ist gar kein Ausdruck.“ Schnipp Schnapp und das Schiff versenkt und aus Balsaholz ein zartes Flößchen geschnitzt und los geht’s. Es ist wie damals. Wie als Kind. Wenn man zwei Follower hat und aber eigentlich der ganzen Welt die Dinge aufsagt und wie irre das ist und wie wunderbar sinnlos. Wenn doch alles irgendwie wunderbar sinnlos wäre. Wir könnten uns Bratzen braten und noch am Spieß verschlingen. Ich wollte nicht mehr denken. Nur fühlen. Ich wollte nicht mehr entscheiden, nur gleich machen. Gleich machen, zappeln, rumpeln, falsch machen, neu machen, anders machen, rausquäken, blamieren, strapazieren, applizieren, es nicht raffen und doch machen. So was.

Zum Beispiel mein Grüne Soße-Rezept:
Kaufe: Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer, Schnittlauch, 0,5 Liter Joghurt, Creme Fraiche, Schuss Olivenöl, 0,5 Liter Milch, Salz, 0,3 Liter Wasser. Die Kräuter grob schneiden, alles zusammenmengen. Fertig.

Es ist ein bisschen wie Ayran mit Kräutern. Kann man so nebenbei essen. Wie Suppe, wie Pudding, wie Chips. Und garantiert jeder beflissene Frankfurter und jede berufene Frankfurterin wird sagen, dass DAS keine richtige Grüne Soße ist. Dafür stehe ich mit meinem guten Namen. Und das ist so wunderbar irre egal. Kochen Sie es nach. Sie werden sich in den Arsch beißen. Vielleicht mache ich einen Essensblog auf. Das ist die Zukunft. Essensblögge kann man nicht genug aufmachen. Und dann noch zweileuchten.club und keine.vision und Ello und Twitter und dies und das und am Ende weiß keiner mehr, was ich eigentlich sagen will und ich schon gar nicht. Das mache ich. Ich mach’s wirklich. Ich mach’s ja schon. Es ist doch schon alles Realität. Ich habe ungefähr 70 Accounts im Internet. Für alles. Radio, Musik, Quotes, Essen, Trinken, Menschen, Tiere, Macnews, Lampen, Filme, Bilder, Bookmarks,Hosting, Listen, Tumblr, viele, für alles. Und dann ist mir irgendwann der Gedanke gekommen, dass mir ja eigentlich schon lange keine Gedanke mehr gekommen sind. Ich schöpfe aus der Vergangenheit, der Erfahrung, ich kann umgehen mit meinem schon mehrfach von Fachpersonal beschriebenen Geist, aber ich habe keine Visionen mehr. Ich weiß nicht, was ich halten soll vom Fliegen, von Co-Piloten, Religionen, Kühen die auf Plätze platzen, 1000 Tode, Verzicht auf Tier, Verzicht auf Ackerbau, Verzicht auf Verzicht. Ich lese Dinge, die an mir vorrübersegeln. Dinge, die ich nicht verstehe und nicht mal nicht mehr nicht verstehe, sondern da merke ich dann, dass ich sie noch nie verstanden habe. So wie ich Otfried Höffe las und merkte, dass ich (natürlich) Kants „Kritik der reinen Vernunft“ nicht verstanden habe. So eine Erkenntnis, wenn man erkennt, dass man es nie gewusst hat. Das alles ungewiss und darum alles gut und schlecht zugeich ist. Ich plane den Umgang mit weiteren Menschen, ich erweitere das Feld, nehme wieder auf, nehme mit. Diese Illusion mit 5.000, 15.000, 40.000 Follower auf Twitter irgendeine Reichweite zu haben, irgendwas zu erreichen, irgendwas erreicht zu haben. Es ist, als schreie man in einen unendlich tiefen, leeren Brunnen. Die sinnlose Hoffnung auf Wasser am Grund. Das ist verkehrt. Kann ich nachlesen, habe ich gemerkt, als ich endlich mal was gemerkt habe, da habe ich das (mir) gemerkt. Nicht verstanden, nicht gewusst, nur gemerkt. Strich. Punkt. 20 Leute lesen, die helfen dir aber beim Zaunstreichen. Das wärs.

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