Es wird prima für uns Primaten

Jetzt möchte ich aber auch ins Finale. Also ich jetzt, ganz persönlich. Mit Neymar wäre mir das zwar lieber gewesen (den hätte ich locker weggeputzt), aber hier, man kann es sich nicht aussuchen. Auf jeden Fall wünsche ich ihm alles Gute und baldigste Genesung und ich wünsche mir Schiedsrichter mit einem Sinn für die Gesundheit der Spieler. Hört nicht immer auf Sepp Blatter, der hat auch nicht immer Recht.

Die WM geht mir dieses Jahr ja auf den Sack. Ich weiss nicht, womöglich hat Freddy Valeng doch Recht und die Begeisterung will nicht erwachen, weil Löws Knaben so realistisch spielen. So irgendwie abgezockt, so italienisch. Nicht so wie früher, eher so wie Erwachsene. Und was haben wir doch 2010 für Tränen in den Augen gehabt, als der konsternierte Diego Armando Maradona eingeblendet wurde und wie man die Herren aus Argentinien mit 0:4 nach Hause geschickt hat. Und jetzt ist es, als spiele dauernd Bayern München unter Ottmar Hitzfeld und am Ende gewinnt Bayern München auch noch. Immer was zu meckern. Aber vielleicht ist es am Ende doch auch mal schön, wieder Weltmeister geworden zu sein. Also wenn ich jetzt Weltmeister würde, so ganz persönlich. Ich habe meine erste Firma einen Tag nach dem verlorenen Finale 2002 gegründet. Es war trübselig. Irgendwie saßen wir an unseren Rechnern und dachten an Oliver Kahn und wie traurig er war. Allein schon das… hh hh h. Und wie wäre das jetzt? Vielleicht wären wir da wirklich happy und alles wäre anders und irgendwie schön? Die Menschen in den Wartehallen des Sozialamtes würden sich mit Prosecco aus Dosen zuprosten, Frauen bekämen die gleichen Gehälter wie Männer. Mein Hexenschuss plagte mich nicht mehr. Die Milch würde nicht mehr sauer werden. Kühe wären lila. Es wehte stets ein kühles Lüftchen. Blühende Landschaften. Ach naja. Das ist ja auch egal.

1974, da war ich sieben und ich kann mich nicht erinnern, dass sich da irgendwas geändert hätte. Mein Vater hatte vor und nach dem Finale Koteletten. Und 1990 hatte ich ganz andere Probleme. Wieder wer zu sein, wäre mir jetzt persönlich nicht so wichtig. Bin ja schon wer. Irgendwer. Jetzt zum Beispiel ein Freak, der sich stumpf und relativ gefühllos Fußballspiele anschaut. Ich bin beileibe nicht der Freund der vergangenen Zeit und will nichts zurück und keine Konstellation von früher wäre mir lieber als die jetzige und ich bin mir sicher, dass früher nicht alles besser war. Vielleicht vor 7.000 Jahren, aber auch da nur vielleicht. Diese Gegenwart hält mich aber auch immer so auf Trab, dass ich mich gar nicht mit gestern beschäftigen kann. Mit morgen aber auch irgendwie nicht so richtig. Ich muss weniger arbeiten. Mehr schlafen. Mehr im Garten auf der Hollywoodschaukel sitzen. Mehr Bücher lesen. Mehr Feuer ohne Feuerzeug anzünden. Die Saftpresse öfter benutzen. Wieder mehr Musik hören. Endlich ein Wohnmobil kaufen und mit der Frau nach Finnland fahren. Aber ich muss ja arbeiten.

Also morgen. Morgen ist Dienstag, der 8. Juli 2014. Da gewinnt Deutschland gegen Brasilien mit 5:1. Davon kann man ausgehen. Ich bin mir relativ sicher. Und nach dem Abpfiff ist es mucksmäuschenstill im Stadion. Zu recht. Gerade habe ich überlegt, ob ich mucksmäußchen mit ß schreiben sollte. Ich habe das dann relativ schnell wieder verworfen. Manches kommt einem ja auch seltsam vor. Gestern Abend zum Beispiel, da wollte ich Fußball kukken. Ich wollte gar kein Spiel sehen, ich wollte Oliver Kalkofe und Oliver Kahn sehen oder diesen Dings aus Viva und den Mehmet Scholl mit ihren gurkigen Sprüchen. Diese seltsamen Analysen von Urs Meier, dieses unsinnige Geschwurbel des Fachbrasilianers Giovane Élber. Das hat mir gefehlt. Soweit ist es schon gekommen. Und Spiele in Begleitung der Twittersleut zu schauen und den ganzen Unsinn, den man dann schreibt, dieses Zusammenhanglose, dieses Gefühl Public Viewing ohne das Publicum zu sehen. Nur zu lesen. Dieses Nette, das Freundliche am Wir-Gefühl. Wie wir mit ausgerechnet der USA gelitten haben und traurig über das Ausscheiden der Chilenen waren und so. Und so ging’s gestern der Frau auch. Wir saßen am Fenster und schauten uns das Unwetter an und drückten der Hollywoodschaukel die Daumen. Wir hofften, dass sie den Sturm meistert, so wie der Ast unter dem unser Auto stand, auch den Sturm bittschön schadlos überstehen sollte. Dachten wir und dann schüttete ich Eiswürfel in die Rührschüssel mit der Sprite Zero/Mineralwasser-Mischung, so wie ich es auch am Dienstag machen werde und dann trank ich wie so ein Schweinchen meine Eiswürfel-Limmo aus der Rührschüssel und es war eine gute Zeit, da zusammen mit meiner Frau am Fenster zu sitzen mit dem Sturm und der Rührschüssel mit der Limonade.

Und jetzt gehen Sie zum Pfandleihhaus, verticken Sie Ihre Gibson Les Paul und setzen Sie von dem bisschen Geld, was Sie dann noch haben alles auf Sieg und kaufen sich danach ein Klavier. Sie werden es nicht bereuen.

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