Schlenzi

Das Unerfreuliche zuerst.

Social Media. Man hätte es ahnen können, dass das nicht lange gut geht. Diese Diskrepanzen zwischen Sein und Schein, zwischen Augenschein und Avatar, das haut nicht hin. Die Inszenierungen und Lügengebäude diverser Charaktere in diesem Netz, insbesondere auf Twitter, halten dem Abgleich mit der Kohlenstoffrealität oft nicht stand. Bisweilen lädt man Leute in sein Leben ein, auf seine Geburtstagsfeste, auf Magazin-Releasepartys, in sein Zuhause, die hätte man niemals einladen dürfen. Das zerrt an den Nerven, denn digitale Menschen sind, anders als Menschen aus der Kohlenstoffsozialität, immer irgendwie gegenwertig. Man kann sie kaum richtig blocken und vergessen, sie kommen immer wieder, immer wieder. So ist das Internet.

Aber

es gibt auch andere Erfahrungen. Es gibt nämlich doch Menschen in dieser Internetwelt, derentwegen man den Begriff Freundschaft neu, anders definieren muss. Nichts ist wie früher™. Damals nämlich waren Freunde Leute, zu denen die Freundschaft gewachsen ist in langen Jahren der Vertrauensschaffung, der Prüfung, der Umzugsaktivitäten, durch Nähe, Besuche, Betrinken, Knutschen. Und dann hätte man vorsichtig jemanden Freund genannt. Und am Anfang von Social Media war es ganz und gar empörend, wenn man Leute, die einem näher kamen, „Freunde“ genannt hätte. Was ist mit dem Begriff doch alles verknüpft, was für eine Tiefe, was für ein Gedöns (lange Jahre der Vertrauensschaffung, Prüfung, Umzugsaktivitäten, Nähe, Besuche, Betrinken, Knutschen). Doch dann erfand Facebook die Freundschaft neu und plötzlich hatte man sehr viele Freunde. Oft kannte man diese noch nicht mal, aber sie griffen ins Leben ein, kommentierten Geschehnisse und gingen einem mit „Meinungen“ auf den Sack, kamen, nahmen, gaben und verließen einen wieder. Alles digital. So weit so gut. Aber dann traf man sich. Große Feuer brannten auf der Prärie der Erwartungen. Wen traf man da und kann man mit dem eine Familie gründen? Wann wurde mir zum Beispiel sehr klar, dass ich ja gar nicht das süße, kleine Lamm war, das man anfangs als Avatarbildchen auf meinem Twitteraccount fand? Nein, denn ich bin ein mürrisches Nilpferd. Allenfalls. Wir alle sind mürrische Nilpferde.

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Den einen nämlich

Tobias Schlenzalot Schramm. Tobias war so erschreckend dem @schlenzalot ähnlich, den ich auf Twitter in den Nächten der Jahre 2008/2009 entdeckte. Ein Charmeur, ein Klicke di klack, ein kritischer Geist, aber auch eben ein Schlenzalot. Einer, der seinen Namen so ungewöhnlich gut ausfüllt. Nie arg, nie beleidigend, scheinbar nie mutlos und immer einen kessen Spruch auf der Lippe. Man dachte neidlos, der kriegt sie alle. Er sah sogar so aus. Und er sah ziemlich aus. Nicht viele Menschen sehen aus, als wären sie auf diese wunderbare Weise speziell. Als wären sie Teil einer HBO-Serie, Teil einer Idee von Thomas Pynchon, Teil Deiner ganz eigenen Story, die nie passiert, weil Du Dich nichts traust, außer große Töne auf Twitter zu spucken. Tobias war wie einer, den ich ganz lange kenne, obwohl ich ihn gar nicht sooooooooooo lange kannte und auch sicher nicht so kannte, wie es sich gehört hätte. Aber er war immer wieder da. Im Leoparden-Jackett und der neongrünen Jogginghose. Immer mit einem Tässchen Mokka und abgespreiztem kleinen Finger auf einem Sessel aus der Gründerzeit sitzend, den man gar nicht besitzt, den nur seine Erscheinung projeziert. Immer einen Steptanz aufführend. In Echt mit einem Lächeln bewaffnet. Abwartend, höflich lauernd um den „Einen“ dann rauszuhauen, siezend bis ins Mark. Einer, der in den Schwarzwaldstuben einen Zapfhahn mit seinem Namen besaß. So einer. Einer wie aus Seinfeld, aber auch sehr Rainer Werner Fassbinder-esk.

Und dann diese absurd anmutende Nachricht, die gar nicht absurd ist, weil sie so unbedingt zum Leben gehört. Die Nachricht vom Ableben. Vom plötzlichen Ableben. So früh, zu früh. Obwohl er doch „alt genug“ sei, wie er behauptete. Aber wer ist schon alt genug? Seinen aktuellen Avatar habe ich ihm mal anlässlich der re:publica im Jahre 2013 gebastelt. Wir hatten da eine etwas missglückte Show, was garantiert nicht an ihm lag. Er kam ja auch nicht zu Wort.

Gar nicht so lange her – da hatte er das Bild plötzlich als Twitteravatar. Als hätte er es geahnt. Er mit einem Heiligenschein. Und verrückterweise wünschen und wähnen ihn jetzt die eifrigen Twitter-Atheisten alle in den Himmel, was zum einen an seinen enormen und zu Recht explodierenden Sympathiewerten liegt und zum anderen daran, dass die meisten Menschen nicht nachdenken. Schon gar nicht im Moment der Trauer. Und weisste was, das ist ja auch ok so. Dass ich mich nicht immer ärgern und aufregen soll, hat er mir öfter geraten. Ich hab das natürlich nicht angenommen. Sich nicht aufzuregen, hilft ja auch nicht immer weiter. Zum Glück muss man nicht oft Zeitzeuge des Ablebens eines (Twitter-)Kumpanen sein, aber beim Schlenzi sieht man, dass es den Leuten nahe geht, ungewöhnlich nahe, was vielleicht ein Trost sein könnte, für die Leute, die ihn jetzt vermissen und vielleicht, falls das doch irgendwie möglich ist, sitzt er dann da weißlich schimmernd in seinem Leoparden-Jackett, lächelnd, wie er nur er das kann und irgendwann haut er Einen raus. Ganz elegant, schmunzelnd und so, dass man ihn am liebsten drücken möchte.

Aber man kann einen Schlenzalot nicht einfach drücken. Und jetzt erstmal schon gar nicht mehr. Allerdings, wenn das eines Tages möglich wäre, und es ist in seiner ganzen Lazarushaftigkeit eine geradezu berückende Vorstellung, falls Du jemals wieder vor unserer Tür stündest, Du wärst jederzeit und immer willkommen.

*tropfend ab*

 

 

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5 Gedanken zu „Schlenzi“

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