VIELEN DANK FÜR DAS BUCH

Da ich unter Internet-Fun-ADHS leide und meine Aufmerksamkeitsspanne allerhöchstens die Länge eines durchschnittlichen Blogeintrages umfasst, kann ich mich nur schwer und dann auch nur unter Umständen auf ein Buch (mit 750 Seiten) konzentrieren. Als Sprachcholeriker möchte ich obendrein ein Buch schon nach drei Sätzen an die Wand schmeißen, wenn es schlecht geschrieben ist. Also noch schlechter, als das was ich hier mache. Ich lehne die Redigierung meiner Texte ab und habe wenig Zeit. Doch zurück zur Realität.

VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN von Sibylle Berg (von der ich nur deshalb nicht „von der großen Sibylle Berg“ spreche, weil der Text über das Buch nicht dem Verdacht der Tendenziösität unterliegen soll).

Der Zukunftsentwurf des Hermaphroditen Toto, zu dick, zu groß, im Suff gezeugt, ist kein schimmernder Stern am rabigen Himmel der Möglichkeiten und wenn Sibylle Berg auch wieder und wieder bekundet ein „gndenloser Optimist“ zu sein, so schwant mir schon bei der Passierung des Inhaltsverzeichnisses, dass es hier nicht zum honigmondigen Funfinale kommen wird. So fehlgeleitet bin ich.

Ein Kreißsaal kalt, die Hebamme voller Verachtung, Schmerzen, Klappern, Licht flackert, die Erwartungen bei Null komma Null und so geht es los und so geht es weiter. In einem warmen Nest aus Rosenthaler Kadarka und Bärenblut wächst er… heran. Immer wieder die lakonische Erinnerung an die Leserschaft, dass es hier nicht um Knab oder Dirndl geht, sondern um quasi beides. Damit man sich niemals zurecht finden möge, wie Toto, die die Verwirrung viel weniger verwirrt als die von der Festlegung gepeinigte Leserschaft. Toto wird verkauft, verraten, im Zug stehen gelassen, zugemüllt und wird ausgenutzt und abgeschoben, dass es eine wahre Pracht ist. Und Toto möchte nicht daran zerbrechen. Toto macht immer weiter. Mit seinem Leben, mit neuem Vertrauen, vertäuen, einholen der Segel, verweilen. Der Kern wird nie belastet, nie zerstört, nie dem ausgesetzt, was all die Betrachter und Betrachterinnen drumherum, auch die Leserschaft, als Übelkeit erkennen. Das macht Toto zur Größe und weil wir das nicht akzeptieren können, wird aus dem Größten der größte Trottel. Weil wir dann bescheid wissen, wie wir das unterhalb unseres eigenen liederlichen Wahrnehmungspegels halten können. Weil wir mit Mitleid umgehen können, nicht aber mit Toleranz. Aber Gnade sei dem, der Mitleid nicht dankbar empfängt. VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN ist ein Buch über den Unterschied von Leben und Wahrnehmung von Leben. Wie wir uns nicht vorstellen können, dass das Leben in Trötbach nicht der Untergang ist, dass Müll oder nicht Müll eine Definition ist, dass Empfindung immer auch die Empfindung der anderen ist. Wie ist ein Toastbrotleben auf dem sich die ganze Last von Wurst in Mickymausform ausgebreitet hat? Finde es heraus, denn die kluge Autorin öffnet die Pforten der Wahrnehmung ein klitzekleines bisschen. Man kann einen Blick erhaschen und womöglich die richtigen Schlüsse ziehen. Diese Gelegenheit gibt es nicht oft. Man wird sich am Ende Fragen was Scheitern überhaupt ist und ob es das so überhaupt gibt.

„Toto steht für alle die sich am Rande sehen. Für alle die sich zu dick fühlen, zu dünn, zu homosexuell.“ sagt Sibylle Berg und am Ende stellt sich die Frage ob der vertraurisierte Anblick einer Geschichte auch tatsächlich eine traurige Geschichte ist, weil der Protagonist sein Leben anders wahr nimmt, als die vom Mitleid zerfressenen Betrachter, deren Lebensmittelpunkte die Hörigkeit und die Dazugehörigkeit sind. Vor solchen Vergehen am Platz in der Gesellschaft hat schon Nietzsche gewarnt und nur die wenigsten haben es begriffen.

ABER


Es gibt eine nächste Chance:

VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN von Sibylle Berg ist erschienen beim Hanser Verlag.
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