Wie ich den ganzen Tag Weltmeister war

Gestern, so um 21:45 Uhr, habe ich mich gefragt, was ich eigentlich hier seit vier Wochen mache. Wieso sitze ich gerade vor dem Fernseher und habe Angst. Angst, wie ich sie seltsamerweise noch nicht mal hatte, als sie mir 2011 wegen einer Blutvergiftung mein Bein amputieren wollten. Angst, die ich haben müsste, wenn ich mit 82 Millionen Vollidioten auf der Bundesautoban unterwegs bin. Angst, die ich vor dem Atomkrieg oder jedem Castor-Transport haben müsste oder wegen der CSU. Das ist irre. Und natürlich fragte ich mich dann, was ich überhaupt erwarte, was gibt es für mich zu verlieren und vor allen Dingen: Was gibt es überhaupt zu gewinnen?

Die Weltmeisterschaft im Fußball. Aber was habe ich davon? Wird meine Frau mich dann noch mehr lieben? Werde ich je wieder aufrecht gehen können? Wird es endlich Schwarzwälder Kirschtorte ohne Kalorien geben? Frieden in Nah- und Fernost? Atombomben ohne Atom? Eine Bundesliga ohne den HSV? Twitter ohne Idioten? Geld ohne Zinsen? Es wird nichts sein. Nichts, was jetzt schon wäre. Weder noch. Heute bimmelte um 6:45 Uhr mein Wecker. Er hätte sicher nicht um 5:45 Uhr, dieser von Hitler für alle Zeiten untauglich gemachten Uhrzeit, geklingelt, wären wir nicht Weltmeister geworden. Ich bin heute morgen aufgestanden, habe auf dem Weg in den Ponyhof die liebe Frau zum Bahnhof gefahren, mir im Büro einen Kaffee gemacht und anschließend bis um 20:30 Uhr vor einem Display gessen und hinein gestarrt. Die Kolleginnen haben wie immer vor sich hin gemurmelt, der Kollege war (wie immer) mit einem Wohnungsumzug beschäftigt. Der DHL-Mann brachte Pakete, die Postfrau brachte Briefe, die Ponys nickten mit den Köpfen, es gab Salat. Keine Ahnung was für ein Wetter draußen war, ich sitze den ganzen Tag in einem Rittersaal aus dem 13. Jahrhundert mit 2 Meter dicken Wänden. Ich hab’s gut. Ich kann nicht klagen. Ich bin Weltmeister. Ich schwenke keine Fahnen, verdresche keine Leute, hupe nur in Ausnahmefällen, hab mein Konto nicht überzogen, trinke keinen Schnaps auf der Arbeit. Mich regen keine Montage auf, kein Vogelgezwitscher. Ich schaue so gut wie nie Tatort und trinke seit 1998 kein Bier mehr. Ich bin heute morgen zum Auto geschluppt und habe mir gedacht, so schluppt also ein Weltmeister zum Auto. Das ist ja allerhand. Wer hätte das gedacht?! Habe ich das überhaupt verdient? Naja, so rein sportlich ohnehin nicht, aber auch sonst. Vielleicht geht’s aber trotzdem aufwärts mit der Wirtschaft. So weltweitmäßig. Vielleicht geht’s jetzt richtig los. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ging es einfach nur darum, dass sich ein paar Jungs den Arsch aufreißen um am Ende eine goldene Krampfader in die Luft zu stemmen. Wie die sich gefreut haben. Wie die sich gefreut haben. Nicht so prollig, seelenlos wie die Typen von 1990 und 1974 und nicht so steif und im Rahmen emotionalen Todseins die 1. Strophe der Nationalhymne singend, wie die Herrschaften 1954. Nicht wie Lothar Matthäus sich freut oder Gerhard Schröder. So falsch, nicht ausgereift, so noch nicht mal bemüht. Sondern so richtig gefreut. Wie Buben. Wie, als hätten sie nicht schon vor und nach dem Gewinn dieses Spiels achtstellige Unsummen auf dem Girokonto gelagert. Einfach nur dafür haben sie das gemacht, dass sie mal Weltmeister sind. Das man mal schaut wie das ist. Einfach deshalb haben sie sich die Fresse polieren lassen und den Arsch aufgerissen. Egal wo ihre Eltern her- und wie ihre Kinder hinkommen und wie eigenartig gleichsam ihre Frauen aussehen. Einmal Weltmeister sein. Das ist ja auch extrem anstrengend. Ich könnte das nicht. Aber die Frau, die mit mir hier unter unvorstellbaren Bedingungen mit meiner Birkenwaldtapete und einer Winkekatze, sowie zwei Hasen und einer Eiswürfelmaschine wohnt, die Frau und ich, wir haben uns so gefreut. Wir haben uns leise gedrückt. Kurz beide gedacht, ohne es auszusprechen und um es schweigend direkt wieder zu verwerfen, wir könnte ja mal an einem Autokorso teilnehen. Nur, weil wir nicht wussten, wohin mit dieser Fußballfreude. Weil es eben kein 7:1 war, kein schnelles Tor nach drei Minuten. Kein leichter Weg, kein Geholze und Gebolze mit garylinekereskem Ausgang. Und diesmal ohne Helmut Kohl in der Umkleidekabine und ohne jeden Anflug von Vokuhilafrisur oder Pornobalken. Da waren sie einfach nur mehr oder weniger nette Jungs mit Flusen im Kopf, die vier Wochen lang lustige Dinge mit einer luftgefüllten Schweineblase… bla bla bla… Ja, was schreibe ich denn hier für einen Mist. Ich muss es löschen, ich darf das nicht veröffentlichen. So ein Quatsch. Ich muss doch darauf hinweisen, dass ich natürlich weiß, dass nicht in Weltmeister geworden bin. Ich muss Dingen sagen wie Schloch und Scheißrotgold. Ich muss mich echauvieren. Ich muss was wichtiges, kluges sagen zu diversen Krisenherden. Ich muss NSA sagen oder Neckarsulmer Strickwaren Union. Ich muss mich über Menschen lustig machen, die Nordic Walking-Stöcke verwenden. Ich muss Tatort kukken und darüber twittern. Ich muss die Reifen meines Hohlrollers flicken und um die Welt reisen. Ich muss IRR GENTT WIE ANDERRS SEINNNN… 

 

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