Zur Sonne

Das Netz sirrt. Es kreischt im Kopf. Es schreit mich an. Es redet und redet und redet und ich weiß, dass das Netz auch ich selbst bin. Das macht mich irre. Wie die Katze sich in den Schwanz beißt. Wie alles sich dreht. Sich kaputt dreht, rumpelnd, klappernd, wie ein kaputter Kreisel. Doch aber der Kreisel dreht sich immer weiter. Immer und immer weiter. Und Du weißt, Du könntest wegschauen. Aber Du weißt auch, dann wäre es trotzdem da und weil Du die Büchse der Pandora schon geöffnet hast, weil Du schon reingeschaut hast, in das unendliche Buch des Daseins, willst Du auch wissen, wie es weiter geht.

Michael Ende hat mal in „Die unendliche Geschichte“ versucht, das Nichts zu beschreiben. Doch es ist unbeschreiblich. Beschriebenes Nichts ist nicht mehr nichts. Dann ist es ja da. Das ist ungünstig für den Autoren, aber es ist gut für die Phantasie. Man sollte das Nichts nicht beschreiben müssen. Schließlich ist es ungefähr das, was am Ende des Weltalls vorherrscht, und für all die tapferen Atheisten ist es das, was am Ende unserer Tage auf uns wartet. Nichts. Das ist nicht wie Einschlafen, das ist das Vielerlei, das zutiefst frustrierende und unwiderrufliche Ende. Wer das dem Leben vorziehen will oder muss, der hat womöglich alles schon zu Ende gedacht und gefühlt. Eventuell ist das für die Zurückgebliebenen und die glücklicherweise Unbetroffenen unvorstellbar, aber das gibt es und dann sind alle Tipps und Hinweise, wie schön das Leben ist, wie viele Menschen einem fröhlich von Brücken zuwinken, wie geil der Cheeseburger im nächsten Burger-Restaurant ist, das schon in vier Monaten wieder die Pforten schließt, nur noch ein befremdlicher, sehr, sehr ferner Gedanke. Dann ist doch alles schon gesagt. Als ich heute den letzten Tweet von jemanden las, der müde und am Ende des Denkens zu sein schien und wie die Menschen in dem Thread unter dem Tweet hofften und ratschlugen und Tipps gaben und flehten und flehten und den Ast suchten, die sie ihm in die Speichen werfen könnten, da war ich einen Moment gerührt von all dieser Hoffnung. Doch da hatte er seine Ankündigung schon in die Tat umgesetzt. Ganz kurz und knapp war die Meldung der Polizei, nur mit einer Telefonnummer versehen. Keine Erklärungen, keine Mutmaßungen, noch nicht mal Mutmaßungen über Mutmaßungen waren zu lesen. Diese ganze Hoffnung, manchmal naiv, manchmal sich selbst in diese Tweets hinein kritzelnd, manchmal kindlich, unschuldig, liebevoll, maschinenhaft, puppenhaft, schamhaft, umständlich, direkt, diese so voller Hoffnung seienden und manchmal nicht zu Ende gedachten Tweets hörten aber nicht auf, weil die Leute die Nachricht des Todes nicht sofort vernommen haben und so also immer weiter schrieben und hofften, noch über den Tod hinaus… doch alles war zu spät und rum und Ende und aus. Da muss man Luft holen und dann verblüfft, manchmal ungelenk, manchmal ehrlich und aufrichtig, manchmal klassensprecherhaft einen letzten Tweet raushauen. Doch dann wirkt das manchmal so armselig angesichts der ungeheuren Dimension der Wirklichkeit und der Unwiederbringlichkeit. Doch trotzdem sah ich da, wie Schneeglöckchen im verharschten Schnee, Hoffnung, Liebe, Freundlichkeit, ja Menschlichkeit in diesem kalten, abgeschmackten, zugewüsteten, abgestandenen sozialen, ach so unsozialen Netz. Diesem Netz mit all seinen ungeschriebenen Regeln und Vorschriften, wie man sein muss, wie man sein müsste, wie man selbst nicht sein kann, aber der andere sein soll, wie man selbst es bereut, dass es so ist, weil das alles so unabdingbar geworden ist, aber so sind nun mal diese Regeln, die wir uns selbst in endlosen Tweets und Posts um die Ohren geschrieben haben, bis wir das alles selbst geglaubt haben und dachten, wir müssten das jetzt leben. Bis wir vor dieser Vase Internet stehen, die nur noch durch ein paar Kaugummis und Klebestreifen vor dem letzten Scherbenhaufen zusammengehalten wird. So erscheint es mir.

Und da sind dann die Parolen, dass „wir“ zusammenhalten und auf einander achten müssen. Für einen Tag. Für ein paar Stunden. Bis zum nächsten Troll, bis zur nächsten verachtenden Randbemerkung. Bis zur nächsten Ausfahrt. Bis zum nächsten Paragraphen, der uns zum Beispiel vorschreibt, dass man niemals nachfragen darf, warum man gerade entfolgt, entfreundet, gekickt, ausgeladen wurde. Man muss hart sein. Cool soll man sein. Unanstrengend. Üble Nachrede soll man aushalten, schweigen, so tun, als hätte man sie nicht gelesen, weil, sonst hätte man sie ja gelesen, schwach im Moment, sich auf die andere Seite seines Netzes begeben und durchs Schlüsselloch geschaut. All das. Und dann ist da der Moment, in dem der Krokus blüht am Ende des harten Winters. Die Hilfsbereitschaft mit den #offenenTüren am Freitag in München, der sinnvolle safety check auf Facebook, die geraden, warmen, alles richtig gemacht habenden Meldungen der Münchner Polizei oder auch die Hoffnung, all die Hoffnung, die Anteilnahme heute zum Anlass des Todes des „jungen“ Mannes.

Mag die Nähe auch nur netznah, social media-oberflächlich sein, weil sie das nur sein kann, weil mehr vielleicht noch nicht geht…Aber immerhin. Immerhin. Ich will nicht von Hoffnung schreiben, weil das sämig, naiv und abgeschmackt ist. Ich will nicht vom Guten schreiben, das mal sein könnte und an das aufgegeben zu glauben, ich noch nicht habe. Ich will nur mal kurz die Hand heben und irgendwie was Tröstliches meinen, mal mit der Wunderkerze winken. Ein bisschen was glauben, entdeckt zu haben. Mal kurz sagen, ja, ich habe es auch gesehen. Es war nur ein Funke und wenn ich gleich ins Netz schaue, dann wird da noch lange kein gutes Feuer brennen. Aber dieser Funke…

Und wo kriege ich jetzt auf die schnelle Grillanzünder her?

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5 Gedanken zu „Zur Sonne“

  1. Ich mag dich – und ich mag deinen Blog. Und Huck: Wer schreibt der bleibt – ist zumindest meine Hoffnung (und du weißt ja wer bekanntlich zu letzt und so weiter).

    LOVE

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